Welt 03.06.2026
10:27 Uhr

„Am Ende des Tages ist es für jeden Fußballer immer auch die Frage, was dir vorgelebt wird“


Im WM-Finale 2014 machte Bastian Schweinsteiger das Spiel seines Lebens. Ein Gespräch über Erfolg, Führungsspieler – und den Bundestrainer, dessen Arbeitsstil ihm gefällt. Dennoch hat er eine Botschaft an ihn.

„Am Ende des Tages ist es für jeden Fußballer immer auch die Frage, was dir vorgelebt wird“

Was es braucht, um einen großen Titel zu gewinnen, weiß er genau. Bastian Schweinsteiger war dabei, als Deutschland 2014 in Brasilien Weltmeister geworden ist. Unvergessen sind noch heute die Bilder vom Finale gegen Argentinien (1:0), als Schweinsteiger am Ende mit blutverschmiertem Gesicht im wohl größten Spiel seines Lebens den Vorsprung mit über die Zeit rettete. Für die ARD wird der 41-Jährige die anstehende WM (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/wm/) als Experte verfolgen. Was die deutsche Nationalmannschaft betrifft, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/wm/article6a1eb2e78777b4bfe1a25e3d/nationalmannschaft-hat-mich-gewundert-matthaeus-sieht-zwei-faelle-mit-konfliktpotenzial.html) ist er guter Dinge. WELT: Herr Schweinsteiger, der deutsche Kader für die WM steht. Wie gut und wie ausgewogen finden Sie ihn? Schweinsteiger: Ich finde, der Kader ist spannend zusammengestellt. Man merkt, dass der Bundestrainer auf eine Mischung aus Dynamik, Technik und internationaler Erfahrung setzt. Spieler wie Jamal Musiala oder Florian Wirtz können mit ihrer Kreativität Spiele entscheiden, während erfahrene Jungs wie Joshua Kimmich oder Antonio Rüdiger der Mannschaft Stabilität geben. Offensiv hat Deutschland extrem viel Qualität und Variabilität. Gleichzeitig wird entscheidend sein, wie gut die Balance nach hinten funktioniert und ob die Mannschaft in engen Spielen ruhig bleibt. Gerade bei einem Turnier brauchst du Führungsspieler, aber auch junge Spieler, die unbekümmert auftreten. Diese Mischung sehe ich im aktuellen Kader auf jeden Fall. Wenn die Mannschaft schnell zusammenfindet und die Schlüsselspieler ihre Form abrufen, traue ich Deutschland ein starkes Turnier zu. WELT: Die große Überraschung war die Rückkehr von Torhüter Manuel Neuer. Wie bewerten Sie die Personalie, für die es ob der Kommunikation Kritik gab? Schweinsteiger: Ich war immer der Meinung, dass Manu ins Tor muss, da haben mich viele fragend angeschaut, jetzt ist es so gekommen und der Beste steht im Tor. Das halte ich für richtig. Trotzdem muss ich bei Baumann sagen, dass das nicht schön für ihn gelaufen ist. Er hat sich nichts vorzuwerfen und muss sich jetzt motiviert halten – beim Pokalfinale hat man gesehen, wie schnell es auch wieder anders laufen kann. WELT: Julian Nagelsmann hat für die WM den Titelgewinn als Ziel ausgegeben. Wenn Sie an den WM-Sieg 2014 zurückdenken – war das am Ende eher eine Frage der Qualität oder der Mentalität? Schweinsteiger: Sowohl als auch. Aber ich glaube, dass es auch eine Frage des Timings war. Wir waren bei der WM 2006 und der WM 2010 schon nah dran – und bei den EM-Turnieren dazwischen. Es war dann einfach unser Moment. Wir waren 2014 eine Top-Mannschaft. WELT: Gab es in dem Turnier einen Moment, wo Sie gespürt haben: Dieses Mal kann es klappen? Schweinsteiger: Ja, nach dem Spiel gegen Frankreich … WELT: … dem 1:0 im Viertelfinale. Viele unterschätzen, wie extrem ein WM-Turnier ist: ständiges Reisen, Druck, Öffentlichkeit. Was ist mental das Härteste, das man von außen nicht sieht? Schweinsteiger: Das Härteste? (überlegt kurz) Manchmal spielst du bei so einem Turnier gegen Nationen, die du nicht so gut kennst. Nehmen wir von damals mal Algerien. Wir waren natürlich gut vorbereitet, aber wir wussten trotzdem nicht ganz genau, was uns erwartete. Und in so einer Situation fühlst du dich nicht so sicher. Wenn aber Spieler wie Iniesta oder Xavi auf dem Platz stehen, weißt du, woran du bist. Spiele gegen Teams, die man nicht so gut kennt, darf man nicht unterschätzen. Es gab jüngst ja ein gutes Beispiel dafür – Deutschlands Testspiel gegen Ghana. Die deutsche Mannschaft hatte den Gegner eigentlich im Griff, aber das zweite Tor nicht gemacht. In der zweiten Halbzeit kam es dann dazu, dass vier, fünf Spieler vorn noch draufgegangen sind, die Spieler hinten aber nicht mehr pressen wollten. Doch dann wirst du vom Gegner auseinandergezogen – und auf einmal steht es 1:1. Plötzlich machten sich die Anhänger von Ghana im Stadion bemerkbar, die Stimmung kippte. So war das auch bei der WM in Katar in den Partien gegen Japan und Costa Rica. Wenn du nicht mehr kompakt bist, zu viele individuelle Fehler machst und nicht mehr widerstandsfähig bist, wird es schwer. WELT: Inklusive Vorbereitung könnte es ein langes Turnier werden. Worauf wird es deshalb besonders ankommen? Schweinsteiger: Ich kam damals aus einer Verletzung und hatte praktisch keine richtige Vorbereitung. Aber das war nicht ganz so schlimm, da du theoretisch bei einer WM auch langsam reinkommen kannst. Doch der Idealfall wäre natürlich der, dass alle deutschen Spieler physisch auf einem Top-Niveau sind, insbesondere vor dem Hintergrund, dass die Spiele teils frühe Anstoßzeiten haben. Das darf man nicht verkennen. Denn du wirst dort auf Mannschaften treffen, in denen alle Spieler topfit sein werden. Neben der körperlichen Fitness ist die mentale Frische entscheidend. Und die muss ich bei einer Weltmeisterschaft (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ski-weltmeisterschaft/) von jedem Spieler erwarten können. Wenn die ein Spieler nicht hat, ist er eigentlich fehl am Platz. Jeder muss verinnerlichen, was es bedeutet, für sein Land bei einem Turnier zu spielen. Das zu wissen, muss die Basis sein. Denn wenn du auf Mannschaften wie Frankreich oder Spanien triffst, die einfach unglaublich viel Talent und Qualität in ihren Reihen haben, kann die mentale Frische schon sehr bedeutsam sein. Ich will jetzt nicht die deutschen Tugenden beschwören, weil es so veraltet klingt, doch auch auf die kann es ankommen. Sie können eine gute Basis sein. Aber das Wichtigste ist vor allem, eine gute Balance zu haben – zwischen Offensive und Defensive. Das haben wir in den vergangenen Spielen noch nicht so perfekt hinbekommen. Da sind uns Nationen wie Frankreich, Spanien oder England noch voraus. Sie sind viel konstanter. Wenn wir uns diesbezüglich steigern, können wir an einem guten Tag jeden Gegner schlagen. WELT: Bei einem Turnier kommt es auch auf Führungsspieler an. Hat Deutschland genügend? Schweinsteiger: Ja. Joshua Kimmich zum Beispiel. Ich zähle auch Nico Schlotterbeck dazu – oder Aleksandar Pavlović, der beim FC Bayern schon eine ganz wichtige Säule ist. Auch Jonathan Tah würde ich nennen. Das sind alles Spieler, die eine Mannschaft führen können. WELT: Während der EM 2012 gaben Sie WELT ein Interview, (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article107254639/Anfuehrer-in-der-Kritik-Warum-es-in-Bastian-Schweinsteiger-brodelt.html) in dem Sie sagten, dass Ihnen der Erfolg des Teams und nicht das Spektakel wichtig sei. Auf die Nachfrage, wer Ihnen das beigebracht habe, sagten Sie Folgendes: „Michael Ballack, Robert Kovac, Oliver Kahn und Jens Jeremies. Diese Spieler haben so clever gespielt und getan, was für das Team am besten war. Dass ich mit ihnen spielen konnte, kommt mir jetzt zugute. Jetzt verstehe ich, warum sie so waren. Das, was von außen kommt, interessierte die nicht groß.“ Fehlen solche Typen heute nicht? Schweinsteiger: Ich würde schon sagen, dass wir diese Typen zeitweise vermisst haben. Spieler, die gnadenlos auf Leistung gehen, gallig sind – und die es einfach nicht mögen und das auch nach außen zeigen, wenn sie ein Spiel verlieren. Da hat dem deutschen Fußball in den vergangenen zehn Jahren etwas gefehlt. Das hat man am Abschneiden bei den Turnieren gesehen. Am Ende des Tages ist es für jeden Fußballer immer auch die Frage, was dir vorgelebt wird. Ich für meinen Teil hatte Spieler um mich herum, von denen ich mir einiges abschauen und aneignen konnte. Ich habe nicht gesagt: ‚Ach Mann, der ist zehn Jahre älter, der interessiert mich nicht, was soll ich denn von dem lernen?‘ Ich habe es immer als positiv und gut für mich empfunden, mit erfahrenen Spielern zu trainieren, von denen ich Dinge lernen konnte. Ich habe sie respektiert, weil sie gut waren und schon etwas gewonnen hatten. Letztlich muss jeder junge Spieler selbst wissen, was er will. Möchte er lernen und in die gleiche erfolgreiche Richtung, wie seine erfahrenen Mitspieler gehen – oder will er seinen eigenen Kopf durchsetzen und einen anderen Weg gehen? WELT: Herr Schweinsteiger, der Bundestrainer musste zuletzt viel Kritik einstecken, auch ob seines Umgangs mit dem einen oder anderen Spieler. Wie wirkt Julian Nagelsmann auf Sie? Schweinsteiger: Er hat auf jeden Fall diesen Hunger auf Erfolg in sich. Das spürt man total – und das finde ich sehr gut. Manchmal könnte Julian Nagelsmann vielleicht noch ein bisschen gelassener mit der einen oder anderen Situation umgehen. Das hat er ja beispielsweise in Bezug auf die Geschichte mit Deniz Undav eingestanden und kommuniziert. Es ist gut, dass er das mit dem Spieler besprochen hat. Aber man darf bei der Diskussion nicht vergessen, dass ein Bundestrainer in der heutigen Medienwelt auch extrem im Fokus steht – die ganzen Interviews, die vielen Pressekonferenzen. Insgesamt gefällt mir sein Stil, das meine ich auch bezüglich der klaren Rollenverteilung innerhalb der Mannschaft. Julian Nagelsmann hat es 2024 geschafft, die Nationalmannschaft wieder zu einer Mannschaft zu formen. Er hat viel richtig gemacht – und macht viel richtig. Etwa mit Blick auf die Taktik, seine klaren Rollen, das Reagieren auf bestimmte Dinge in einem Spiel. Man merkt, dass er das Beste aus der Mannschaft herausholen möchte. WELT: Vincent Kompany erlebt genau das Gegenteil. Er wird für seine Arbeit, sein Wirken und seine Strahlkraft von allen Seiten gelobt. Schweinsteiger: Was ihn auszeichnet, ist, dass er nichts Besonderes machen will. Er ist ruhig, er ist sachlich, er ist gelassen – und es scheint, als hätte er nie schlechte Laune. Ich habe ihn zumindest noch nicht mit schlechter Laune gesehen. Natürlich will auch er Erfolg haben, natürlich will er die Mannschaft so gut wie möglich spielen lassen und sehen, dass sie das umsetzt, was er von ihr verlangt. Beim FC Bayern sprechen sie mit einer Zunge. Vincent Kompany muss gar nicht mehr so viel machen. Es wirkt so, als müsse er nur ein bisschen moderieren. Und dann hast du eben eine Mannschaft, die so Fußball spielt, wie sie spielt. WELT: Was könnte die Nationalmannschaft denn vom FC Bayern lernen? Schweinsteiger: Die Kompaktheit – und die über 90 Minuten. Die Nationalmannschaft hat manchmal immer noch so zehn bis 15 Minuten in ihrem Spiel, in denen sie sich ein wenig auseinanderziehen lässt und dadurch nicht mehr so wachsam ist. Das passiert eigentlich bei den Bayern so gut wie gar nicht. WELT: Mit Thomas Müller, Mats Hummels, Per Mertesacker, Christoph Kramer und Ihnen werden gleich fünf Weltmeister von 2014 als Experten bei der WM (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article6916d55358d2cfb625f5ba5b/fussball-wm-2026-20-jahre-danach-wird-juergen-klopp-wieder-tv-experte.html) im Einsatz sein. Haben Sie über diese Konstellation untereinander schon mal gesprochen? Schweinsteiger: Nein. Mir war das gar nicht so bewusst. Ich für meinen Teil freue mich auf das Turnier – auf die Atmosphäre vor Ort und darauf, über das zu sprechen, was auf dem Fußballplatz passiert, weil ich aufgrund meiner Erfahrung natürlich schon ein gewisses Gefühl für die Dinge habe, die in einem Spiel oder im Kopf eines Spielers vorgehen. Ich möchte versuchen, dem Zuschauer das gut rüberzubringen, ohne es kompliziert zu machen und ohne irgendwelche Sprüche zu klopfen. Wenn der Zuschauer dann trotzdem mal lacht, ist das auch nicht schlecht. Wenn Sie hier klicken, können Sie sich den Gruppenspielplan der WM als PDF herunterladen. (verlinkt auf https://www.welt.de/ig/05b1a102-3cfb-42db-aa06-431e099367ec/desktop/desktop) Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/lars-gartenschlaeger/) seit 2004 über die Nationalmannschaft. Er war bei sechs EM-Turnieren – nun folgt die sechste WM. Als Schweinsteiger 2014 im Maracanã von Rio das Spiel seines Lebens machte, saß er auf der Tribüne.