Sogar Fußball-Weltstar Lionel Messi (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/lionel-messi/) wirbt auf gigantischen Postern auf Häuserwänden in Buenos Aires (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/buenos-aires/) für das im Land wohl bekannteste argentinische Unternehmen schlechthin. Der staatliche Erdöl- und Erdgaskonzern YPF ist der politischste aller Konzerne in dem südamerikanischen Land. Linke und rechte Regierungen versuchten jahrelang, das Staatsunternehmen auf Erfolgskurs zu bringen. Zwischen dem Präsidentenpalast und der Konzernzentrale liegen gerade einmal wenige Hundert Meter Luftlinie. Nun aber dürfte YPF viel Geld in den Haushalt des libertären Präsidenten Javier Milei spülen. Bisher musste Argentinien Öl und Gas importieren. Jetzt steht das südamerikanische Land vor einem epochalen Wandel. Es ist auf dem Weg, zu einem wichtigen Energieexporteur für Europa und Asien aufzusteigen – zumindest mittelfristig. Exporte (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/exporte/) könnten dem Land Einnahmen von jährlich 30 Milliarden US-Dollar bringen und damit das chronische Schuldenproblem des Landes lindern. Umweltschützer warnen allerdings vor den Kollateralschäden: Natur und Klima würden enorm leiden. „Rund 8,7 Billionen Kubikmeter Erdgas und 16,2 Milliarden Barrel technisch förderbares Erdöl liegen basierend auf einer internationalen Bewertung der US-amerikanischen Energieinformationsbehörde (EIA) im Fördergebiet Vaca Muerta“, sagt Energieexperte Emilio Apud vom liberalen Thinktank „Libertad y Progreso“ (verlinkt auf https://www.gtipa.org/libertad-y-progreso) aus Buenos Aires im Gespräch mit WELT. „Ab 2027 werden mit der Inbetriebnahme der für den Export bestimmten Öl- und Gaspipeline-Infrastruktur und der LNG-Anlagen steigende Exporte nach Europa und Asien erwartet, die jährlich 30 Milliarden US-Dollar erreichen können.“ Argentinien könnte somit mittelfristig Ausfälle kompensieren, die angesichts ausbleibender Lieferungen aus dem Nahen Osten oder Russland drohen. Viele westliche Länder seien bereit für eine „Flucht in die Sicherheit“, sagt Experte Apud. Sie wollen das Versorgungsrisiko senken und die ständigen Preissprünge besser abfedern. Davon würde Argentinien profitieren. „Das Gegenteil von Entwicklung“ Ana Victoria Domínguez Britos (verlinkt auf https://www.fairplanet.org/author/ana-victoria-dominguez-britos/) , Projektmanagerin der Umweltschutz-Kampagne „Golfo Azul Para Siempre“, kritisiert das Projekt dagegen scharf, vor allem den geplanten Exporthafen: „Die Umwandlung des San-Matías-Golfs in einen Öl- und LNG-Export-Hub würde Argentinien über Jahrzehnte von fossilen Strukturen und Exporten abhängig machen. Dies geht auf Kosten eines einzigartigen Meeresökosystems und der Gemeinden, die davon abhängen.“ Sie hält Argentiniens Exportpläne für keine gute Idee: „Das ist das Gegenteil von Entwicklung, im Angesicht der Klimakrise ist es ein Rückschritt.“ Für die Regierung Milei (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/javier-milei/) , die bei Amtsantritt im Dezember 2023 Rekordschulden, eine Hyperinflation und eine katastrophale Haushaltslage geerbt hat, wäre das Vorhaben dagegen eine große Erleichterung. Der Energiesektor würde dann sogar den bisher führenden Agrarbereich ablösen. Allerdings dürften bei sprudelnden Exporteinnahmen die Forderungen lauter werden, den unpopulären radikalen Sparkurs zu lockern. Die deutsche Klimaorganisation „Urgewald“ (verlinkt auf https://www.urgewald.org/kontakt) forderte die Bundesregierung jüngst auf, sie solle eine Voranfrage für eine ungebundene Finanzkredit-Garantie („UFK“) für den argentinischen LNG-Ausbau ablehnen. Regine Richter, Expertin für Außenwirtschaftsförderung bei „Urgewald“, sagt: „Deutsche UFK-Garantien wären ein Türöffner für dieses verheerende fossile Expansionsprojekt, mit jahrzehntelangen Folgen für das Weltklima und die Umwelt vor Ort.“ Umweltminister Carsten Schneider müsse intervenieren. Dem halten Befürworter des Projektes entgegen, Argentinien ersetze lediglich die Ausfälle, die durch die Sanktionen auf russische Exporte entstanden sind. Zudem sei „LNG der Brennstoff der Energiewende (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/energiewende/) “, sagt Experte Apud. Viele Staaten hätten sich entschieden, Kohle durch LNG-Gas zu ersetzen. Sie wollen jene Versorgungslücke schließen, die erneuerbare Energien noch hinterlassen, beispielsweise bei der sogenannten Dunkelflaute (keine Sonne, kein Wind). Die argentinische Entwicklung wird durch die geopolitischen Risiken begünstigt, sagt Apud. Die Regierung in Buenos Aires werde angesichts des kleinen Inlandsmarktes und der großen Reserven ihre Anstrengungen darauf richten, die Vaca-Muerta-Ressourcen in den kommenden Jahrzehnten für den Export zu nutzen. „Mit Lieferungen von zwei bis drei Millionen Barrel Öl pro Tag und mehr als 200 Millionen Kubikmetern Erdgas als LNG wird Argentinien auf dem internationalen Markt zu einem wichtigen Akteur werden.“ Tobias Käufer (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/tobias-kaeufer/) ist Lateinamerika-Korrespondent. Im Auftrag von WELT berichtet er seit 2009 über die Entwicklungen in der Region.