Große Schwaden aus Wasserdampf steigen über der Bayway-Raffinerie auf. Langsam ziehen die Wolken über den Hafen von New Jersey in Richtung der Skyline von Manhattan. Hier, vor den Toren der größten Stadt der USA, steht eine der wichtigsten Öl-Raffinerien des Landes. Die Anlage südwestlich von New York ist für die Versorgung der Metropolregion mit seinen mehr als 20 Millionen Einwohnern von entscheidender Bedeutung. Bis zu 258.000 Barrel Rohöl werden hier pro Tag per Schiff angeliefert und verarbeitet, daraus entstehen unter anderem rund 155.000 Barrel Benzin sowie etwa 130.000 Barrel Diesel und Heizöl. Ein Großteil dieses Rohöls stammt jedoch nicht aus den USA selbst. Viel von dem, was in amerikanischen Raffinerien weiterverarbeitet wird, bringen Tanker aus Ländern wie Kanada, Algerien oder Nigeria an die Ostküste. Das wirkt paradox, denn die USA sind nach wie vor der größte Ölproduzent der Welt, noch vor Saudi-Arabien, Russland und Kanada. Bis zu 19 Millionen Barrel Erdöl werden insgesamt pro Tag gefördert – fast ein Fünftel der globalen Produktion. Und selbst inmitten der durch den Iran-Krieg ausgelösten Öl-Krise exportieren die Vereinigten Staaten weiterhin große Mengen des Rohstoffs in alle Welt. Trotz Förderrekorden im Inland wird derzeit rund ein Drittel des in den USA verbrauchten Rohöls importiert. Und obwohl nur ein kleiner Teil dieser Importe aus dem Nahen Osten stammt, machen sich die Auswirkungen an der Zapfsäule immer deutlicher bemerkbar. Am Donnerstag überschritt der Ölpreis die Marke von 100 US-Dollar pro Barrel – ein Sprung um 9,2 Prozent, der stärkste Tagesanstieg seit 2020. Am Freitag sank der Preis wieder leicht. An den amerikanischen Zapfsäulen indes sind die Preise seit Beginn des Iran-Krieges um rund 25 Prozent gestiegen. Kein Wunder also, dass sich die Stimmung im Land zuspitzt. Je nach Umfrage halten nur zwischen 20 und höchstens 40 Prozent der Amerikaner den Krieg gegen das Mullah-Regime in Teheran für gerechtfertigt. Nun kommen zu den geopolitischen Sorgen die ganz handfesten ökonomischen Folgen hinzu, die viele Menschen unmittelbar im Alltag treffen. Kaum ein Thema bringt Amerikaner derart in Rage wie steigende Spritpreise. In einem Land, in dem das Leben ohne Auto für einen Großteil der Bevölkerung kaum vorstellbar ist und der öffentliche Nahverkehr weite Landstriche gar nicht erst erreicht, wird jede Bewegung an der Zapfsäule zur emotionalen Belastung. „Benzinpreise haben eine enorme psychologische Wirkung“, sagt Mark Malek, Chefanlagestratege beim Broker Siebert Financial. Seit Tagen dominieren Tankpreise die Schlagzeilen, füllen Talkshows und Kurznachrichtenspalten; demokratische Politiker wittern bereits die Chance auf einen Stimmungsumschwung vieler Wähler, die nun spürbar mehr für ihren Alltag ausgeben müssen. Die weltweiten Ölpreise werden indes weitgehend unabhängig von der konkreten Herkunft des Rohstoffs geprägt – ausschlaggebend sind globales Angebot und Nachfrage. Der Preis, den amerikanische Raffinerien zahlen, orientiert sich an den Referenznotierungen der Rohstoffmärkte. Je nach Förderort, geplanter Route und Liefertermin schwanken die Konditionen erheblich. Anders gesagt: Nicht die schiere Verfügbarkeit in einzelnen Staaten, sondern der Weltmarkt diktiert die Preise – auch in den USA. Umrüstung der Raffinerien wäre lange und teuer An einem gewöhnlichen Tag passieren gut 15 Millionen Barrel Rohöl die Straße von Hormus. Die nun entstandene Knappheit trifft vor allem Asien hart, Europa und Amerika hingegen müssen bislang keine echten Versorgungsengpässe fürchten, sagt Thomas Puls, Ökonom am Institut der deutschen Wirtschaft (IW). „Hier sind die Preise das Problem, die vom Ölmangel in Asien nach oben getrieben werden.“ Nicht nur die faktische Sperrung der Meerenge, auch die Angriffe des Iran auf andere ölproduzierende Staaten in der Golfregion treiben die Preise weltweit nach oben, heißt es beim IW. Dauerhaft hohe Ölpreise wiederum wirken wie ein Brandbeschleuniger für die Inflation Für Donald Trump wird die Ölkrise zunehmend zum Problem. Schon vor den Angriffen auf den Iran sahen Umfragen die „Affordability Crisis“ – also die rasant gestiegenen alltäglichen Lebenshaltungskosten – als Thema Nummer eins der Sorgen, die die Amerikaner umtreiben. „Ab Tag eins meiner Präsidentschaft sinken die Preise“, versprach der Kandidat Trump dem Volk vor der Wahl. Nach mehr als einem Jahr im Amt jedoch zeigt sich: Die Preise für die meisten Lebensmittel, Kosmetika, aber auch Gesundheitsdienstleistungen und Restaurantbesuche steigen weiter, anstatt zu sinken – auch infolge der Zoll-Politik. Die Benzinpreise hingegen waren eine der wenigen Ausnahmen. Im Vergleich zur Amtszeit von Joe Biden wurde das Tanken zeitweise bis zu 30 Prozent günstiger. Kein Wunder, dass Trump vor Kriegsbeginn keine Gelegenheit ausließ, die deutlich gesunkenen Spritpreise als persönliche Erfolgsgeschichte zu verkaufen. Weil man im Weißen Haus um die symbolische Wucht der nun erneut explodierenden Preise weiß, reagierte die Trump-Administration am Mittwoch mit einem drastischen Schritt: Erstmals seit Jahren wurden die strategischen Ölreserven angezapft. Damit wollte Trump den Anstieg stoppen – in der Logik des Lehrbuchs, nach der ein größeres Angebot zu fallenden Preisen führt. Doch es kam anders: Der Preis stieg weiter, während die Börsen absackten. Am Freitag griff die Trump-Regierung dann zu noch drastischeren Mitteln, um das Öl-Angebot auf den Weltmärkten auszuweiten: Das US-Finanzministerium erteilte wegen der steigenden Preise eine Lizenz für den Verkauf von russischem Rohöl und russischen Erdölprodukten bis zum 11. April. Die sind eigentlich sanktioniert, erst vor wenigen Wochen hatten die Amerikaner mit erheblichem Druck dafür gesorgt, dass auch Indien auf russisches Öl verzichten sollte. Nun zumindest zeitweise die Kehrtwende, die wieder neues Geld in die Kriegskasse von Russlands Präsident Wladimir Putin spült. Auch Trumps Ankündigung, Handelsschiffe in der Straße von Hormus militärisch zu eskortieren, hat bislang nicht den erhofften Effekt. Die US-Marine verfügt kaum über die Kapazitäten, jedes einzelne Schiff zu schützen. Bereits in der Vorwoche hatte Trump die staatliche United States Development Finance Corporation (DFC) angewiesen, politische Risikoversicherungen und Finanzgarantien für maritime Transporte anzubieten, nachdem große Kriegsrisikoversicherer ihre Policen für Fahrten durch die Region abrupt gekündigt hatten, als die Lage eskalierte. Nun zeigt sich, wie brüchig das Versprechen dieser Sicherheitsgarantien (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/article69a8987c56359c50ca10f797/strasse-von-hormus-trumps-sicherheitsplan-fuer-den-welthandel-und-seine-risiken.html) ist. Hunderte Frachter und Tanker liegen weiter auf Reede, zehntausende Seeleute harren an Bord aus, ohne dass sich eine Lösung abzeichnet. Die Preise für Brent-Öl und Flüssiggas schießen weiter in die Höhe – nicht zuletzt, weil rund ein Fünftel des weltweit gehandelten Öl- und LNG-Volumens normalerweise durch die kaum 34 Kilometer breite Meerenge fließt. Dazu kommt: Ein Großteil des Öls, das die Amerikaner selbst aus dem Boden holen, können ihre eigenen Raffinerien gar nicht selbst verarbeiten – zumindest nicht ohne teure und technisch aufwändige Umrüstung. Laut der US-Energiebehörde (EIA) importierten die Vereinigten Staaten im Dezember rund 200 Millionen Barrel Rohöl. Im selben Monat exportierten sie mehr als 350 Millionen Barrel Erdölprodukte, darunter 128 Millionen Barrel Rohöl. Ein Widerspruch, der die Debatte im Land weiter anheizt. Kraftstoff aus importiertem Öl landet häufig an US-Tankstellen. Das in den USA geförderte Öl ist tendenziell von höherer Qualität, Branchenexperten sprechen oft vom „sweet oil“. Der Großteil der amerikanischen Raffinerien ist aber auf die Verarbeitung von schwererem und schwefelhaltigem Öl ausgelegt, das aus dem Ausland kommt. Auch hier diktierte der Markt den Preis: Oft ist es günstiger, das „süße Öl“, das aus heimischen Quellen stammt, auf dem Weltmarkt zu verkaufen und das schwere Öl zur Benzinherstellung einzukaufen. Gesetz von 1920 macht Verarbeitung von US-Öl teuer Der Grund, dass viele der Anlagen – gerade jene, die weit weg von den Ölfeldern liegen – nicht auf die Weiterverarbeitung des heimischen Öls ausgelegt sind, hat mit einem 106 Jahre alten Gesetz zu tun. Der „Jones Act“ von 1920 schreibt vor, dass Waren, die zwischen US-Häfen transportiert werden, auf in den USA hergestellten und betriebenen Schiffen befördert werden müssen. Weil dann für den Transport und die Versicherung auch amerikanische Preise anfallen, kann es für Raffinerien – wie etwa die in New Jersey – günstiger sein, Öl aus Afrika zu importieren, statt es aus Texas oder Louisiana zu ordern. Donald Trump wiederum präsentiert eine ganz eigene Deutung dieser Gemengelage. Noch am Dienstag erklärte seine Sprecherin Karoline Leavitt: „Der jüngste Anstieg der Öl- und Gaspreise ist vorübergehend, und diese Operation wird langfristig zu niedrigeren Gaspreisen führen.“ Hohe Benzinpreise drücken auf die Wählerstimmung und können die Chancen der Republikaner bei den Kongresswahlen im November schmälern. Der Präsident selbst scheint seinen Ton inzwischen geändert zu haben. Vom Eigenlob über die gesunkenen Spritpreise ist nun nichts mehr zu hören, im Gegenteil: „Wenn die Ölpreise steigen, verdienen wir sehr viel Geld“, sagte Trump am Donnerstag. Ob diese Rechnung aufgehen wird? Aktuell kostet der Krieg die USA laut Angaben des Pentagon elf Milliarden Dollar – pro Woche. Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzzentrum von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt. Jan Klauth (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/jan-klauth/) ist US-Korrespondent mit Sitz in New York.