Es geht ein bisschen unter in diesen Tagen, aber aus gewisser Distanz betrachtet ist das, was an diesem Mittwochabend im dritten Programm des NDR-Fernsehens ausgestrahlt wird, noch immer eine kleine Sensation. Im TV-Duell zwischen den beiden aussichtsreichsten Anwärtern auf das Amt des Regierungschefs in Mecklenburg-Vorpommern stehen oder sitzen sich nicht, wie es seit Jahrzehnten eingeübt war, die Spitzenkandidaten von SPD und CDU gegenüber. Stattdessen hat erstmals ein Vertreter der AfD einen der beiden begehrten Studioplätze ergattert. Die CDU bleibt draußen. Sie musste sich mit einem Platz in der bereits am Dienstag ausgestrahlten Runde der Kleinparteien begnügen. Zum ersten Mal seit 1990. Leif-Erik Holm (AfD), der Herausforderer, gegen Manuela Schwesig (SPD), die amtierende Ministerpräsidentin, heißt die Paarung fünf Tage vor der Landtagswahl. Ihre Parteien liefern sich laut aller Umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Vorsprung der AfD vor den Sozialdemokraten, vor Jahresfrist noch deutlich zweistellig, ist inzwischen auf eine Differenz zwischen zwei und fünf Prozentpunkten geschrumpft, je nach Institut. Entsprechend hitzig geht es zu in diesem knapp 60-minütigen TV-Disput. Immer wieder machen Schwesig und Holm sich gegenseitig pauschale Vorwürfe. Die Schweriner Regierungschefin legt ihrem Rivalen immer wieder Wählertäuschung zur Last. Sie wirft der AfD zudem vor, „wirtschaftsfeindlich“ zu sein und den sozialen Zusammenhalt zu gefährden. Holm seinerseits unterstellt Schwesig Mal um Mal, Lügen zu verbreiten, Ängste zu schüren und so ihrerseits die Gesellschaft auseinanderzutreiben. Als Beispiel nennt Holm gleich im ersten Teil dieser Debatte den zuvor von Schwesig erhobenen Vorwurf, nachdem im Fall einer Regierungsbeteiligung der AfD „die Frauenrechte bedroht“ seien. Diese Behauptung sei „völliger Unsinn“, kontert Holm. „Das wollen wir überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Wir setzen uns für unsere Frauen ein.“ So plädiere seine Partei für „Wahlfreiheit bei der Kindererziehung“ und werde zudem dafür sorgen, „dass unsere Frauen wieder sicher durch die Städte kommen“. Im Gegenzug konfrontiert Schwesig Holm wie schon bei der ersten TV-Debatte zwischen den beiden mit der Tatsache, dass die AfD als Direktkandidaten unter anderem einen verurteilten Bankräuber aufgestellt hat. „Sie sind ja ein ehemaliger Radiomoderator“, stichelt die Ministerpräsidentin, „und deswegen verstehen Sie es immer nett, darüber zu reden. Aber man muss hinter Ihre Kulissen schauen. Sie treten mit einem Bankräuber an, der eine Frau bedroht hat“, schimpft Schwesig. Ein anderer AfD-Kandidat habe einen „sexistischen Post“ veröffentlicht. „Das sind die Männer in Ihrer Truppe, die uns Frauen klein machen wollen, bedrohen wollen. Und das wird es mit mir nicht geben.“ Holm ist für einen Moment irritiert angesichts der Heftigkeit der Schwesigschen Attacke. „Das ist völlig, völlig, äh, völliger Quatsch, den Sie hier wieder mal erzählen“, setzt Holm an und teilt dann seinerseits aus. „Sie können den Menschen einfach immer nur Ängste bereiten. Das ist das, was Sie tun, den ganzen Wahlkampf schon. Sie polarisieren, Sie schüren Ängste, Sie machen mit Angst Wahlkampf. Das, was Sie uns immer vorwerfen, machen Sie.“ Die AfD habe vom kriminellen Vorleben ihres Kandidaten nichts gewusst, erläutert Holm und attackiert Schwesig seinerseits. „Es ist unredlich, was Sie hier tun.“ So geht es munter streitend weiter. Beim Thema Unterrichtsausfall und Lehrerausbildung, erst recht beim Thema Migration, bei dem Holm wieder und wieder betont, dass eine „wohldosierte Fachkräftezuwanderung“ von der AfD unbedingt gewollt sei. In der Debatte über Wirtschaft, Arbeitsplätze und Energiepolitik wirft Schwesig Holm dann zunächst vor, dass die AfD den 2-Milliarden-Euro-Investitionsplan ablehne, den ihre Regierung mit der heimischen Wirtschaft vereinbart habe. Geld, das aus dem Sondervermögen des Bundes stammt. „Das regt mich jetzt wirklich auf, Frau Schwesig“, wettert Holm daraufhin, „dass Sie hier am laufenden Band lügen“. Die AfD habe natürlich nichts gegen Investitionen. Aber das Geld stamme nun mal „aus dem sogenannten Sondervermögen, was natürlich Sonderschulden“ seien. „Und wir haben was gegen die massive Verschuldung!“ Die Investitionen selbst lehne die AfD „selbstverständlich nicht ab“. Dass die beiden Kontrahenten in der Energiepolitik nicht auf einen gemeinsamen Nenner kommen, liegt auf der Hand. Allerdings lassen beide für einen Moment durchblicken, dass russisches Gas mit Blick auf die derzeitigen Energiepreise und deren Folgen schon eine feine Sache gewesen ist. Holm kündigt dann auch an, dass er die Gasleitung Nord Stream 2 „selbstverständlich“ wieder in Gang setzen wolle, „sobald der schreckliche Krieg in der Ukraine zu Ende ist und wir wieder normale Beziehungen auch zu Russland haben“. Ein Vorschlag, den Schwesig postwendend zur „Nebelkerze“ degradiert, die „demnächst weder politisch noch technisch umsetzbar ist“. Zum Schluss wagen die Moderatoren ein Experiment Das Moderatoren-Duo Susanne Stichler und Thilo Tautz hat also einiges zu tun in dieser Sendung. Zum Schluss wagt es sogar ein Experiment. Es greift in einer von einem öffentlich-rechtlichen Sender produzierten und moderierten Live-Debatte das Thema Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks auf. Das geht nicht lange gut. „Sie wollen den NDR-Staatsvertrag kündigen und den Rundfunkbeitrag abschaffen“, wendet sich NDR-Moderator Tautz dem AfD-Spitzenkandidaten Holm zu. „Wir wollen diese Gelegenheit nutzen, Ihnen die Gelegenheit zu geben, sozusagen, darüber zu sprechen und zu sagen: Wie soll das aussehen?“ Holm antwortet: „Wir wollen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk reformieren. Es ist nicht so, dass er abgeschafft werden soll, sondern wir wollen ihn reformieren, weil es dringend notwendig ist. Weil der öffentlich-rechtliche Rundfunk, auch der NDR, des Öfteren desinformiert, weil er nicht objektiv und ausgewogen berichtet …“ Weiter kommt Holm nicht. „Herr, Herr Holm, das …“, interveniert Tautz. „Jetzt lassen Sie mich doch mal ein paar Sätze sagen…“, bittet Holm. „Nein-nein-nein“, unterbricht Tautz. „Entschuldigung“, sagt Holm. „Da können wir leider keine Luft dran lassen. Das sind völlige Falschbehauptungen und das können wir nicht so stehen lassen“, findet Tautz. „Sie müssen mir schon zugestehen, dass ich antworte, wie ich das für richtig erachte“, insistiert Holm. Das geht dann noch eine ganze Weile so weiter, wobei Holm seine Argumente – der NDR sei zu teuer, berichte unausgewogen und stehe unter zu großem Einfluss der etablierten Parteien – schließlich gegen den abnehmenden Widerstand des Moderatoren-Duos doch noch unterbringen kann. Manuela Schwesig erklärt anschließend, dass ihr Pressefreiheit und Meinungsfreiheit ebenso wichtig seien wie eine vielfältige Medienlandschaft. „Und dazu gehört der NDR.“ Dann konfrontiert sie Holm noch mit dessen Vergangenheit, in der er selbst „viele Jahre“ als Moderator von den Öffentlich-Rechtlichen bezahlt worden sei. „Nicht viele Jahre“, erwidert Holm und beteuert, dass es auch unter einem AfD-Ministerpräsidenten kritische regionale Berichterstattung geben werde. „Wir wollen einfach Reformen, damit die Bürger mehr von ihrem Rundfunk haben.“ „Aber Desinformation und politische Einflussnahme weisen wir ganz klar und deutlich zurück“, beendet Moderatorin Stichler den leicht verunglückten Versuch des NDR, sich selbst zum Thema dieses TV-Duells zu machen. Am kommenden Sonntag wird gewählt in Mecklenburg-Vorpommern. Es wird ein spannender Wahlabend. Ulrich Exner (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/ulrich-exner/) ist politischer WELT-Korrespondent und berichtet vor allem aus den norddeutschen Bundesländern.