Das Sportjahr läuft bestens für Norwegen: Bei den Olympischen Winterspielen im Februar dominierte das Land mit 41 Medaillen, davon 18-mal Gold – Rekord. Nun steht die norwegische Fußball-Nationalmannschaft nach einer makellosen Qualifikation zum ersten Mal seit 1998 in der WM-Endrunde. Manchem Experten gelten die „Löwen“ gar als Geheimfavorit. Eine bemerkenswerte Bilanz für ein Land mit nur fünfeinhalb Millionen Einwohnern. Dahinter steckt ein komplexes System, das sich in vielen Punkten vom deutschen Ansatz unterscheidet. Wer den Erfolg der Norweger verstehen will, kommt am Olympiatoppen nicht vorbei. Das Leistungszentrum bei Oslo ist das Herzstück der norwegischen Sportförderung. Gegründet 1989, nachdem es bei den Winterspielen in Calgary kein einziges Gold gegeben hatte, sollte der Olympiatoppen (Olympiagipfel) die norwegischen Sportler zu neuen Höhen führen. Während die Disziplinen in Deutschland eher isoliert organisiert sind, trainieren in Norwegen alle Sportarten unter einem Dach, um so gegenseitig zu profitieren. Trainingspläne, Analysedaten, technische Innovationen – alles wird geteilt. Auch Ärzte und Psychologen, Ernährungsexperten und Techniker sind direkt angedockt. „Es ist eine Art Begegnungsstätte“, erklärt Jan Wojtaszek, beim Olympiatoppen für die Talentförderung zuständig, im Gespräch mit WELT AM SONNTAG: „Die besten Skilangläufer trainieren mit den besten Leichtathleten im selben Raum. Sie sprechen miteinander, sie essen zusammen. Das ist ein ziemlich einzigartiges Konzept.“ Auch von Musikern oder Soldaten hole man sich Inspiration, probiere ständig Neues aus und lasse zu, dass Fehler passieren. Dem liegt eine Philosophie zugrunde, die sie in Norwegen „Vi-Kultur“ (Wir-Kultur) nennen: der Gedanke, dass selbst die besten Sportler es nicht als Einzelkämpfer, sondern als Teamplayer am weitesten bringen. Natürlich gebe es immer wieder auch Individualisten, die Erkenntnisse lieber für sich behalten, sagt Wojtaszek: „Aber insgesamt ist diese Kultur sehr verbreitet. Die Athleten haben gelernt, dass sie dazugewinnen, wenn sie mit der Gruppe teilen.“ Norwegen hat Geduld und hält den Druck gering Doch woher nimmt das kleine Land überhaupt die vielen Talente, die im Olympiatoppen zur Weltspitze geführt werden? Hier profitiert Norwegen neben den vielen erfolgreichen Vorbildern von einem kulturellen Vorteil: Sport ist für die Norweger von klein auf ein fester Bestandteil des Lebens – nicht umsonst heißt es, norwegische Kinder würden mit Skiern an den Füßen geboren. Auch viele Erwachsene engagieren sich in Vereinen, die das Rückgrat der Nachwuchsarbeit sind. Damit aus den jungen Hobbysportlern Olympiasieger werden, setzt Norwegen darauf, den Leistungsdruck so lange wie möglich geringzuhalten. Wettbewerbe mit offiziellen Ergebnislisten sind erst ab 13 Jahren erlaubt, der Spaß soll im Vordergrund stehen. Auch die Spezialisierung auf eine Disziplin folgt relativ spät. Das Ziel: möglichst viele Jugendliche möglichst lange im Sport halten. „Wir denken sehr langfristig“, sagt Wojtaszek: „Wir wollen einen nachhaltigen, gesunden Weg für die jungen Menschen schaffen.“ Ganz ohne Leistungskriterien gehe es nicht, gibt er zu. „Aber wir haben viel Geduld, etwa wenn es um Ergebnisse in Wettkämpfen geht. Dafür werden wir auch kritisiert. Manche Trainer oder Verbände würden den Prozess sicher gern beschleunigen.“ Der Erfolg gibt dem System recht. In Mailand/Cortina d’Ampezzo stand Norwegen zum vierten Mal in Folge an der Spitze des Medaillenspiegels, allein Langläufer Johannes Høsflot Klæbo gewann sechs Titel. Auch in den Sommerdisziplinen kann das Land einige Spitzenathleten vorweisen: Mittelstreckenläufer Jakob Ingebrigsten und Hürdenläufer Karsten Warholm, das Beachvolleyball-Duo Anders Mol/Christian Sørum oder die Triathleten Kristian Blummenfelt und Gustav Iden. Und nun also auch das Fußball-Nationalteam. In der WM-Qualifikation gewann es alle acht Spiele, Topstar Erling Haaland von Manchester City glänzte mit 16 Toren. Hinzu kommen Kapitän Martin Ødegaard vom FC Arsenal oder Julian Ryerson (Borussia Dortmund) und Antonio Nusa (RB Leipzig) aus der Bundesliga. Anders als die Frauen-Nationalmannschaft, die seit jeher eng mit dem Olympiatoppen kooperiert, agiert der Männerfußball unabhängiger. Doch auch der profitiert von Erkenntnissen aus dem Ausdauer- und Krafttraining der Wintersportler, oder den Ressourcen in Bereichen wie Psychologie und Rehabilitation – nicht umsonst gilt das norwegische Fußballteam als eine der physisch stärksten Mannschaften. Darüber hinaus spiegeln sich Grundsätze der Olympiatoppen-Philosophie inzwischen im Fußball wider. Trainer Ståle Solbakken hat maßgeblich dazu beigetragen, die „Vi-Kultur“ in die Nationalmannschaft zu bringen – und aus den individuellen Talenten ein Team zu formen. „Die Mannschaft ist zusammengewachsen“, sagt Mina Finstad Berg, Sportkommentatorin beim Sender TV2, bei einer Diskussionsrunde in Oslo: „Viele der Spieler sind seit Jahren dabei, sie kennen sich und haben viel gemeinsam erlebt. Das kann von Vorteil sein, vor allem wenn man zum ersten Mal bei einem großen Turnier dabei ist.“ Zudem wurde die Nachwuchsarbeit ab 2014 grundlegend reformiert und die Landslagskole (Nationalmannschaftsschule) gegründet. Dabei bleiben die Spieler bis zum Alter von 15 oder 16 Jahren in ihren Heimatvereinen, um sie nicht aus ihrem sozialen Umfeld zu reißen und auch Spätentwicklern eine Chance zu geben. Damit trotzdem alle eine optimale Förderung und Grundlagenausbildung bekommen, werden die Trainer vor Ort geschult und intensiv betreut. Ein gänzlich anderer Ansatz als der in den deutschen Nachwuchsleistungszentren, die auf frühe Professionalisierung und Zentralisierung setzen. Bestrebungen hierzulande, den Druck im Jugendbereich herauszunehmen, wurden äußerst kritisch kommentiert. An der Grenze des Erlaubten Auch in Norwegen ist das System nicht unumstritten. Für Kritik sorgt, dass nur Disziplinen wirklich gefördert werden, in denen es schon Erfolge gibt oder die Chance darauf groß ist. „Wir versuchen, ein Auge auf kleinere Sportarten zu haben“, sagt Wojtaszek. „Aber wir müssen priorisieren. Wir werden an unseren Erfolgen gemessen.“ Die Gelder des Olympiatoppen, die aus der staatlichen Lotterie stammen, werden vor allem auf systemischer Ebene investiert. Ein Teil der Sportler bekommt Stipendien; große Prämien für Medaillen oder andere Erfolge gibt es nicht. Viele Athleten sind deshalb auf Sponsoren angewiesen, um ihren Lebensunterhalt zu finanzieren. Auch die starren Trainingsvorgaben stoßen immer wieder auf Unverständnis seitens der Sportler. Die größte Kontroverse aber ist das Spiel mit der Grauzone: Stetig wird versucht, sich durch Technologien oder Materialien Vorteile zu verschaffen – bis an die Grenze des Legalen heran und bisweilen darüber hinaus. Bei den Skisport-Weltmeisterschaften 2025 sorgte das norwegische Team für einen Skandal, weil es die Anzüge der Skispringer manipulierte. Eine auffällig große Anzahl von Wintersportlern hat zudem eine Ausnahmegenehmigung für ein Asthmamedikament – der Verdacht steht im Raum, dass es dabei eher um Leistungssteigerung als um gesundheitliche Notwendigkeiten gehen könnte. Für Wojtaszek gehört ein gewisses Austesten der Limits zum Spitzensport dazu. „Das machen alle, in jeder Sportart. Aber es ist wichtig, dass wir unseren Werten treu bleiben und verhindern, dass Situationen wie beim Skispringen noch einmal vorkommen.“ Beirren lassen will er sich nicht – schließlich habe man bereits die Olympischen Spiele 2028 und 2030 im Blick. Die Fußballspieler müssen nicht mehr so lange warten, um sich zu beweisen. Am 17. Juni geht es im ersten Spiel gegen den Irak. Die Gruppenphase sollte die Mannschaft überstehen, glaubt Sportkommentatorin Berg, ein Weiterkommen über das Viertelfinale hinaus hält sie aber für unrealistisch. „Andererseits: Es gibt bei jeder Meisterschaft diese eine Mannschaft, die kaum jemand auf dem Zettel hat – und die dann alle verzaubert.“