Ganz neu ist der Verdacht nicht. Schon am 28. November 1939 veröffentlichte die „ Pariser Tageszeitung (verlinkt auf https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/newspaper/2296516-6) “, ein Exilblatt von Gegnern des NS-Regimes, den Verdacht: „Hitler der Mörder seiner Nichte Geli?“, hieß es auf S. 2 der in Kriegszeiten nur noch zweiseitigen deutschsprachigen Publikation. Der schon 1930 im Streit aus der NSDAP geschiedene Otto Straßer (verlinkt auf https://www.dhm.de/lemo/biografie/otto-strasser) beschuldigte seinen Todfeind, mit eigener Hand am 18. September 1931 Angela Raubal getötet zu haben, die Tochter seiner gleichnamigen Halbschwester. Sie wurde zur Unterscheidung von ihrer Mutter in der Familie „Geli“ genannt. Angeblich habe Otto Straßer (im Exil seit Mai 1933) diese „sensationelle“ Information von seinem Bruder Paul (im Exil seit 1935) erfahren, und zwar nach dem Tod des ältesten Bruders Gregor, der am 30. Juni 1934 im Zuge des vermeintlichen Röhm-Putsches (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article196046475/Roehm-Putsch-1934-Das-Schwein-waere-erledigt.html) ermordet worden war. Laut „Pariser Tageszeitung“ habe Gregor Straßer, damals als Reichsorganisationsleiter der zweite Mann der braunen Bewegung, Hitler seinerzeit am Selbstmord gehindert – „drei Tage und drei Nächte lang“. Bisher galt diese Schilderung unter Historikern als unglaubwürdig. Nicht nur nannte der Artikel als Gelis Todesjahr 1930 statt richtig 1931, zudem war ihr eigentlicher Vorname mit „Grete“ falsch angegeben. Schließlich wiederholte der im Text genannte Hitler-Gegner und Sozialdemokrat Wilhelm Hoegner, 1929 bis 1932 als Staatsanwalt in München mitzuständig für den Fall, nach 1945 eben gerade nicht, was Otto Straßer ihm in der „Pariser Tageszeitung“ in den Mund gelegt hatte: dass es eine „Bestätigung“ für den Mordverdacht gegeben habe. Obwohl Adolf Hitler einer der schlimmsten (Polit-)Verbrecher aller Zeiten war, kann ihm unstrittig bisher nur eine einzige persönlich verübte Gewalttat zugewiesen werden: Beim „Deutschen Tag“ 1922 in Coburg schlug er eigenhändig mit einem Stock auf Gegendemonstranten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article241672271/Weimarer-Republik-Nur-einmal-schlug-Hitler-eigenhaendig-zu.html) ein. Falls ihm tatsächlich nach mehr als neun Jahrzehnten ein Mord nachgewiesen werden könnte, wäre das eine mittlere Sensation. Der Privatforscher Harald Sandner, Autor so wichtiger Sammelwerke wie des „ Hitler-Itinerars (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article147761005/Von-der-Faszination-wann-genau-Hitler-wo-war.html) “ oder einer minutiösen Rekonstruktion des Umgangs mit den sterblichen Überresten des Diktators (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/zweiter-weltkrieg/article244538492/Hitler-Wohin-seine-allerletzte-Reise-wirklich-fuehrte.html) , hat zahlreiche Indizien gesammelt, die zumindest die bisher allgemein akzeptierte Version über Gelis Tod widerlegen sollen. Sein neues Buch „Der Tod der Angela (Geli) Raubal. Freitod oder Fremdeinwirkung?“ erscheint im November 2026 (Shaker Media Düren. 640 S., 49,90 Euro). Vorab hat jetzt (verlinkt auf https://www.spiegel.de/geschichte/adolf-hitler-neuer-aktenfund-erschuettert-alibi-beim-tod-seiner-nichte-a-d3da8e21-6c7b-4e1e-9165-839e0d133996) das Hamburger Magazin „Der Spiegel“ über Sandners neueste Forschungen berichtet. Laut der bisherigen Schilderung sei es am 18. September 1931 zu einem Streit zwischen Adolf Hitler und Geli Raubal gekommen. Vormittags an diesem Freitag hielt der NSDAP-Parteichef eine Rede in der Parteiführerschule in München; danach soll er Geli noch einmal in der gemeinsam bewohnten Luxuswohnung am Münchner Prinzregentenplatz begegnet sein, bevor er um 14.45 Uhr nach Nürnberg aufbrach. Bald nach 15 Uhr habe sich Geli mit einer von Hitlers Pistolen in der Wohnung in die Brust geschossen und sei gestorben. Entdeckt habe die Leiche erst am nächsten Morgen gegen zehn Uhr Georg Winter, der Ehemann von Hitlers Haushälterin Annie. Umgehend sei Hitler, der in Nürnberg im Hotel Deutscher Hof übernachtet hatte, informiert worden und habe sich auf den Rückweg gemacht. Gegen 13.37 Uhr wurde sein Wagen wegen überhöhter Geschwindigkeit in Baar-Ebenhausen südlich von Ingolstadt nachweislich gestoppt; eine gute Stunde später traf Hitler in seiner Wohnung ein. Laut dem Abschlussbericht der Polizeidirektion München vom 28. September 1931 hatte Winter am 19. September den zuständigen Polizeibezirk telefonisch alarmiert. Mehrere Kriminalbeamte kamen demnach in Hitlers Wohnung, wo ein Polizeiarzt namens Müller um 11.30 Uhr die Leichenschau vornahm. Gegen 15.30 Uhr befragte ein Kriminalkommissar namens Sauer Hitler. Der NSDAP-Chef gab an, er habe sich am Vortag ganz normal von Geli verabschiedet. Ihr Tod gehe ihm „sehr nahe, ist sie doch die einzige mir nahestehende Verwandte gewesen, die ich um mich hatte, und nun muss mir das passieren“. Tatsächlich aber, das zeigen laut Sandner andere Originaldokumente, sei Geli Raubals Leiche bereits am Vormittag des 18. September gefunden worden. Das zeige der Eintrag im standesamtlichen Sterberegister, der Freitag, den 18. September 1931, um 10.15 Uhr als Zeitpunkt der Entdeckung nenne. Wenn das stimmt, dann wäre Hitlers Reise nach Nürnberg und die falsche Datierung des Leichenfundes der Versuch, ihm ein Alibi zu verschaffen. Warum sollte man das machen, wenn es tatsächlich ein Selbstmord war? „Der offizielle bayerische Polizeibericht wurde fast ein Jahrhundert lang von der gesamten Geschichtswissenschaft blind für bare Münze genommen und ungeprüft als Wahrheit akzeptiert“, sagt Sandner gegenüber WELT. Sein kommendes Buch entlarve „dieses Dokument nun als historisches Täuschungswerk“. Der gelernte Informatiker, bekannt für seine akribische Quellenarbeit, mit der er schon verschiedenen Standardwerken Ungenauigkeiten nachweisen konnte, kommt auf „exakt 62 Fehler, Lügen und bewusste Manipulationen der Justiz“ in diesem Bericht. Seiner Meinung nach ging es darum, „den Fall sofort abzuwürgen“. Tatsächlich ist einiges seltsam beim Umgang der bayerischen Behörden mit dem Todesfall Raubal. So wurde ihr Leichnam trotz des gewaltsamen Todes durch einen Schuss nicht obduziert – eigentlich Standard in solchen Fällen, auch 1931 schon. Überraschend schnell, bereits am 21. September, gab die zuständige Staatsanwaltschaft die sterblichen Überreste zur Bestattung frei, die am 23. September 1931 in Wien auf dem Zentralfriedhof an der Simmeringer Hauptstraße stattfand; das war ungewöhnlich rasch für eine Beisetzung in einem anderen Land. Hitler nahm nicht teil, denn er war auf dem Weg nach Hamburg – das war zumindest speziell bei der bekannten Nähe zwischen den beiden. „Geli Raubals Tod wurde jahrzehntelang als politischer Mythos behandelt“, wundert sich Sandner auf WELT-Anfrage. Er rolle den Fall „erstmals konsequent als historischen Cold Case mit den Methoden der modernen Kriminalistik auf“. Am Ende der forensischen Indizienkette und nach dem Nachweis von zwölf konkreten Tatmotiven lasse das kriminalistische Ausschlussverfahren „nur noch einen einzigen Hauptverdächtigen“ zu: Adolf Hitler. Nach Auswertung von mehr als 220 Indizien und der Analyse von zwölf denkbaren Tatmotiven fielen, ist sich Sandner sicher, „klassische Fremdszenarien wie ein Suizid oder ein Unfall sachlogisch in sich zusammen“. Daher stellt er WELT gegenüber die These auf: „Am Ende bleibt definitionsgemäß nur ein Tötungsdelikt und damit Adolf Hitler als Hauptverdächtiger übrig.“ Man darf auf Sandners Belege gespannt sein, die im November 2026 zugänglich werden sollen. Denn in zeitgenössischen Blättern gibt es auch andere Darstellungen. Laut der „Harburger Zeitung“ vom 21. September 1931 etwa sei am Nachmittag des 18. September ein „dumpfer Aufschrei“ in der Wohnung zu hören gewesen, bei dem sich aber niemand etwas gedacht habe. Erst abends sei dann „das Mädchen mit der Schusswaffe in der Hand entseelt am Boden“ ihres Zimmers liegend gefunden worden. Bis auf Weiteres kann man also nicht sagen, welche Fassung stimmt: Starb Geli Raubal spätestens am Morgen des 18. September 1931, vielleicht auch am Abend zuvor? Wurde ihre Leiche nun an diesem Freitagvormittag gefunden, am selben Abend oder doch erst am Samstag? Wann erfuhr Hitler davon? Und ohnehin: Verband die beiden ein im weiteren Sinne inzestuöses Liebesverhältnis, wie verschiedene kommunistische Blätter verbreiteten, darunter die „Neue Montagszeitung“ aus Berlin und die „Norddeutsche Zeitung“ aus Hamburg? Oder war Hitlers Sexualität durch seine nachweisliche Missbildung, einen rechtsseitigen Kryptorchismus (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article248953276/Haftakte-Hitler-Die-angeblich-erstmals-veroeffentlichte-Akte-ist-seit-Jahren-bekannt.html) (der rechte Hoden war verkümmert), so eingeschränkt, dass er zu Geschlechtsverkehr unfähig war? Das sehen nach jüngeren Quellenforschungen einige Historiker so, nicht jedoch Heike Görtemaker, die Biografin seiner späteren Begleiterin (und Ehefrau der letzten Lebensstunden) Eva Braun. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählt schon seit seinem Geschichtsstudium neben der SED-Diktatur und dem linken wie rechten Terrorismus der Nationalsozialismus. Er hat mehr als 30 Bücher geschrieben, darunter „ Hitlers ,Mein Kampf‘“ (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-mein-kampf-die-karriere-eines-deutschen-buches-9783608983821-t-5100) und „ Die NSDAP“. (verlinkt auf https://www.klett-cotta.de/produkt/sven-felix-kellerhoff-die-nsdap-9783608981032-t-4910)