Die Ansage war unmissverständlich: Die UN-Friedenstruppen auf der Sinai-Halbinsel hätten „umgehend“ abzuziehen, teilte Ägyptens Staatspräsident Gamal Abdel Nasser (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/kopf-des-tages/article225421937/Aegypten-Gamal-Abdel-Nasser-wollte-Arabiens-Fuehrer-werden.html) am 17. Mai 1967 dem Generalsekretär der Vereinten Nationen, dem Diplomaten U Thant aus Birma (Myanmar), mit. Der erfahrene Vermittler knickte sofort ein. Warum forderte ein Machthaber den Abzug von Friedenstruppen in einem zwischen zwei Staaten umstrittenen, potenziell umkämpften Gebiet? Darauf gab es nur eine Antwort: Weil er Krieg führen und dabei nicht auf Blauhelme schießen lassen wollte. Seit dem Ende des Nahostkrieges 1956 (verlinkt auf https://www.welt.de/kultur/history/gallery108664854/Suez-1956-Europas-letzte-Militaerintervention.html) herrschte im Nahen Osten ein brüchiger Waffenstillstand. Israel hatte in diesem Konflikt die Sinai-Halbinsel bis zum östlichen Ufer des Suez-Kanals (verlinkt auf https://www.raonline.ch/pages/edu/st2/wawakanal04a.html) erobert, aber vor allem auf Druck aus den USA wieder geräumt. Seither waren hier regelmäßig wechselnde knapp 6000 Mann Blauhelme stationiert. Von Frieden konnte allerdings angesichts der aggressiven Haltung Ägyptens, Syriens und Jordaniens gegen Israel nicht die Rede sein; es gab auch immer wieder gegenseitige Militäraktionen und Grenzkonflikte. Im Frühjahr 1967 nahmen die Spannungen ständig zu. Großbritannien und Frankreich, die 1956 Israel beigesprungen waren, hatten sich erkennbar vom jüdischen Staat distanziert. Um einen militärischen Konflikt zu vermeiden, hatte Israel bei westlichen Diplomaten und über Geheimdienstkontakte gestreut, im Falle einer weiteren Zuspitzung der Konfrontation zu einem Präventivschlag bereit zu sein. Die Bundesregierung erfuhr davon unter anderem aus Beirut. Doch die Reaktion U Thants und der westlichen Mächte fiel offenbar enttäuschend für Jerusalem aus, denn Premierminister Levi Eschkol traf nun die Entscheidung – für den Präventivschlag. Weil die bisherige Strategie der Abschreckung der arabischen Nachbarstaaten offenbar misslungen war, hörte das Gerüchteverbreiten über einen israelischen Erstschlag auf. Stattdessen ließ man nun wahrheitswidrig das Gegenteil durchsickern. Der deutsche Botschafter in Tel Aviv, Rolf Pauls, meldete am 19. Mai 1967 nach Bonn, „an einen Angriff mit dem Ziel der Inbesitznahme syrischen Territoriums“ denke in der israelischen Regierung niemand. Doch genau das, die Eroberung verteidigungsfähiger Stellungen auf den syrischen Golanhöhen, war der zentrale Teil der Planung, die Verteidigungsminister Mosche Dajan und die Militärführung um Jizchak Rabin entwickelt hatten. Nasser fühlte sich durch diese oder ähnliche (Falsch-)Informationen offenbar bestätigt – jedenfalls drehte er am 25. Mai 1967 die Eskalationsschraube weiter: Er kündigte die militärische Schließung des Golfs von Akaba an, also Israels Zugang zum Roten Meer. Das jedoch, erfahrene Außenpolitiker erkannten es sofort, war der Casus Belli: Die israelische Regierung konnte diese völkerrechtlich unzulässige Blockade des wichtigen Zugangs zum Indischen Ozean nicht akzeptieren. So kam es zum Krieg. Weil militärische Angriffe seinerzeit (heute ist das anders) meistens im Morgengrauen begannen, war es eine kluge Idee von Rabin, genau das nicht zu tun. So schien die Sonne am 5. Juni 1967 schon drei Stunden auf die Länder des Nahen Ostens, als Israel zuschlug – gegen 7.45 Uhr israelischer Zeit. Nach ägyptischer Zeit war das 8.45 Uhr. Der Geheimdienst Mossad hatte erfahren, dass zwischen 8.30 und 9.30 Uhr die ägyptische Flugsicherung die eigenen Flugabwehrstellungen deaktiviert hatte. Zu dieser Zeit nämlich sollte Generalstabschef Mohamed Abd al-Hakim Amer zu einer Besprechung in den Sinai fliegen. Offensichtlich fürchtete der zweite Mann nach Nasser, unzufriedene Offiziere könnten seine Maschine „versehentlich“ abschießen. In der ersten israelischen Angriffswelle wurden 197 ägyptische Flugzeuge am Boden zerstört, außerdem acht Radarstationen. Direkt nach diesem Einsatz flogen die Israelis zurück zu ihren Basen, wurden in siebeneinhalb Minuten aufgetankt, neu munitioniert und starteten zum nächsten Angriff. Noch einmal 107 ägyptische Maschinen wurden zerstört, überwiegend ebenfalls am Boden. Gegen 9.30 Uhr israelischer Zeit hatte die ägyptische Luftwaffe aufgehört zu existieren. Nach der dritten Angriffswelle gegen 12.15 Uhr galt das auch für den syrischen und den jordanischen Gegner. Der perfekt geplante dreifache Luftschlag eröffnete am 5. Juni 1967 den Sechstagekrieg, einen Präventivkrieg wie nach dem Lehrbuch: Drei israelische Panzerdivisionen stießen auf die Sinai-Halbinsel vor und vertrieben die zahlenmäßig weit überlegenen ägyptischen Truppen. Schon am 6. Juni 1967 befahl Generalstabschef Amer den Rückzug seiner Truppen hinter den Suezkanal. „Israel kämpft allein gegen die arabische Welt“, überschrieb WELT die Titelseite der Ausgabe vom 6. Juni 1967. Bis auf die Wetteraussichten und die aktuellen Arbeitslosenzahlen, der eigentlich geplante Aufmacher, war die erste Seite monothematisch. WELT-Politikchef Wilfried Hertz-Eichenrode (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/kommentare/article230000965/Wilfried-Hertz-Eichenrode-Ex-Chefredakteur-der-WELT-wird-100-Jahre-alt.html) kommentierte: „Es ist Krieg im Nahen Osten. Alle haben ihn kommen sehen, von Tag zu Tag deutlicher. Nun fragen sich verängstigte Menschen überall auf der Welt: Wird es gelingen, den Brand einzudämmen, den Krieg auf Israel und die Araber zu begrenzen?“ Es gelang – durch die Präzision des israelischen Vorgehens. Zwar beschoss die jordanische Artillerie ab dem 5. Juni 1967 gegen zehn Uhr den jüdischen Teil des damals geteilten Jerusalem. Insgesamt etwa 6000 Granaten zerstörten bis zu 900 Gebäude. Die israelischen Fallschirmjäger ließen sich davon aber nicht aufhalten und besiegten die jordanische Armee binnen 48 Stunden. Am 7. Juni 1967 besetzten erste Voraustrupps den Tempelberg (verlinkt auf https://www.israelmagazin.de/israel-orte/jerusalem/altstadt/tempelberg) . Zwei Tage später begann der israelische Angriff auf die syrischen Stellungen auf den Golanhöhen. Innerhalb von kaum mehr als 30 Stunden waren die Syrer in die Flucht geschlagen. Kairo, Amman und Damaskus waren nun in der Reichweite israelischer Bodenstreitkräfte. Doch zur Kapitulation durchringen konnten sich die arabischen Staaten nicht. Deshalb wurde noch vier weitere Tage gekämpft – bis die beteiligten arabischen Staaten am 10. Juni 1967 vor der Situation standen, dass ihre Hauptstädte direkt gefährdet waren. Und kapitulierten. Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.