Welt 26.05.2026
11:11 Uhr

Finnischer Wasserstoff soll deutsche Energiewende retten – ein Grüner ist dagegen


Wasserstoff könnte zum Gamechanger für die deutsche Energiewende werden. Aber die Vorgaben der EU sind viel zu komplex und viel zu teuer. Deshalb blickt Deutschland auf die günstige Energie aus Finnland – was dort nicht nur auf Gegenliebe stößt.

Finnischer Wasserstoff soll deutsche Energiewende retten – ein Grüner ist dagegen

Die deutsche Industrie ist verzweifelt auf der Suche nach günstiger Energie. Eine Rückkehr zu großflächigen Importen von russischem Gas (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/article6a042d27761b8b46253f05f0/fluessiggas-importe-von-russischem-lng-erreichen-hoechststand-frankreich-ist-groesster-abnehmer.html) sowie eine Wiederbelebung der Kernenergie (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/atomkraftwerke/) sind kurzfristig unwahrscheinliche Szenarien. Gleichzeitig will Deutschland seine Industrie dekarbonisieren. Das ist auch ein Grund, warum das Land stark in Wasserstoff investiert hat – den „Gamechanger“ der Energiewende. Deutschland sei gut in Chemie, sagt Peter Lund, emeritierter Professor für Energiesysteme an der Aalto-Universität (verlinkt auf https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/gallery11900784/Aalto-Uni-Helsinki.html) in Finnland. Das Problem sei jedoch nicht technischer Natur. Ein Elektrolyseur (verlinkt auf https://de.wikipedia.org/wiki/Elektrolyseur) zur Aufspaltung von Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff mithilfe von elektrischem Strom sei ein ziemlich einfaches Gerät, das im Grunde schon im Chemieunterricht behandelt wird. Weil dafür aber viel Energie benötigt wird, hängen die Kosten des Wasserstoffs direkt von den Stromkosten ab. Und „grün“ ist der Wasserstoff nur, wenn der benötigte Strom aus erneuerbaren Energien stammt. „Hier kommt Finnland ins Spiel“, sagt Lund. Der durchschnittliche Großhandelspreis für Strom (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/strompreis/) lag in Finnland im vergangenen Jahr bei 40 Euro pro Megawattstunde, in Deutschland waren es 89 Euro. Der Preisunterschied erklärt sich vor allem durch den hohen Anteil an Wasserkraft in Norwegen und Schweden sowie Windenergie in Dänemark. Diese Länder sind wie Finnland im nordischen Strommarkt zusammengeschlossen. Windenergie sorgt bei starkem Wind für sehr niedrige oder sogar negative Strompreise. Dann ist die Zeit, grünen Wasserstoff zu produzieren. Lund ergänzt, dass Finnland zudem an der Kernenergie festgehalten und ein neues Kernkraftwerk in Betrieb genommen habe. Deutschland verfolgt große Pläne zum Aufbau eines Wasserstoff-Pipelinenetzes, inklusive einer Verbindung durch die Ostsee nach Finnland. Das würde Deutschland ermöglichen, grünen und günstigen Wasserstoff aus Finnland zu importieren. Im Februar unterzeichnete Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/katherina-reiche/) eine Absichtserklärung zur Wasserstoffkooperation mit ihrer finnischen Amtskollegin Sari Multala. Die Deutsch-Finnische Handelskammer (verlinkt auf https://www.ahkfinnland.de/de) habe in den Verhandlungen eine zentrale Rolle gespielt, sagt deren Geschäftsführer Jan Feller. „Der Grund, warum wir uns seit zweieinhalb Jahren dafür einsetzen, ist, dass Finnland großes Wasserstoffpotenzial hat und ein wertekompatibler Partner für Deutschland sein kann. Deutschland sollte nicht hauptsächlich auf LNG-Importe aus den USA und Wasserstoff aus dem Nahen Osten setzen“, sagt Feller. LNG ist Erdgas, das durch extreme Kälte verflüssigt wird und sich dadurch besser transportieren lässt. Laut Feller soll die Vereinbarung überhaupt erst einmal darauf hinweisen, dass es Finnland gibt und es günstige Energie liefern kann. „Wenn man den Europa-Wetterbericht im deutschen Fernsehen anschaut, endet Europa irgendwo in Skåne im Süden Schwedens, Finnland taucht gar nicht auf. Das spiegelt ziemlich genau das Wissen über Finnland (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/finnland-politik/) in Deutschland wider.“ Finnland, so Feller, verfüge über viel Fläche und viel Wind, aber wenig Kapital. Deutschland hingegen benötige Energie und habe Kapital. Lund gibt zu bedenken, dass die Wasserstoffrevolution langsamer vorankomme als erwartet. Ein Grund sei, dass die EU-Regulierung Investitionen in Wasserstoff (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wasserstoff/) zu teuer mache. „Wenn ich eine Wasserstofffabrik baue, muss ich die gleiche Menge an neuer erneuerbarer Kapazität errichten“, erklärt Lund, der seit vier Jahrzehnten im Bereich der Wasserstoffwirtschaft tätig ist. Die beruhe auf drei zentralen Säulen: Infrastruktur, Wasserstoffproduktion und Stromerzeugung. Die Entscheidungen in Brüssel seien mit guten Absichten getroffen worden, seien aber aus industrieller Sicht naiv. Die Anforderung, alle drei Bereiche gleichzeitig zu entwickeln, sei zu hoch gewesen, so Lund. „Wenn man beim Bau einer Wasserstofffabrik immer zusätzlich 1000 Megawatt neue Windkraft errichten muss – und nebenbei auch noch die Infrastruktur bauen soll –, dann gibt es dafür schlicht kein Geld. Dann kommen die Projekte nicht voran und der Hype verpufft“, warnt Lund. Er verweist auf die gescheiterten deutschen Versuche, eine Batterieindustrie aufzubauen. Ähnlich bei der Solarindustrie in Deutschland: Bis etwa 2005 weltweit führend, sei sie anschließend zusammengebrochen. Heute sei China in der Solar-, Wind- und Batterietechnologie weltweit führend, so Lund. Beim Wasserstoff sähen sich Deutschland und andere europäische Länder nun als Pioniere. Lund widerspricht: „Von wegen: China (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/china-wirtschaft/) wird ihn wirtschaftlich tragfähig machen. Und dann werden wir den Technologiewettlauf verlieren.“ Nicht alle in Finnland sind begeistert, dass Deutschland, das aus der Kernenergie ausgestiegen ist, bei der Energiewende schwankt und jetzt Interesse an günstiger Energie aus Finnland zeigt – einem Land, das größtenteils auf erneuerbare Energien und Kernkraft setzt. „Mir gefällt der Vorschlag der Deutschen nicht“, erklärte Osmo Soininvaara, der frühere Vorsitzende der finnischen Grünen, in seinem Blog (verlinkt auf https://www.soininvaara.fi/2025/07/02/suomen-vihrea-sahko-pidettakoon-suomen-voimavarana/amp/) bereits im Juli vergangenen Jahres. Deutschland würde sich im Grunde die Vorteile von Finnlands grünem Strom erkaufen, während die Nachteile in Finnland verblieben. „Auch wenn ich grüne Energie grundsätzlich unterstütze, muss ich zugeben, dass riesige Windkraftanlagen und Solarfelder (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/solarenergie-solarfoerderung/) über viele Quadratkilometer keineswegs harmlos sind“, so Soininvaara. „Wenn man die Marktwirtschaft respektieren würde, ginge die Industrie nach Finnland, nicht der Wasserstoff nach Deutschland“, erläutert er im Gespräch mit WELT. Professor Lunds Kritik geht in die gleiche Richtung – auch wenn er die Verzweiflung der Regierung versteht, weil es seit rund 20 Jahren kaum Wachstum gegeben habe. „Finnland ist traditionell ein Lieferant von Rohstoffen mit geringer Wertschöpfung. Zellstoff und Papier sind nach wie vor die wichtigsten Exportgüter, Nokia war eher eine Ausnahme. Das ist der Hauptgrund, warum es uns wirtschaftlich so schlecht geht.“ Lund fordert: „Wir können Exporteur sein, wenn wir zugleich auch Wasserstoffentwickler sind. Andernfalls werden wir zu einem bloßen Ressourcenlieferanten.“ Feller sieht die Vorteile von Wasserstoffexporten deutlich optimistischer. „Finnland ist das einzige Land an der Ostsee (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/ausland/article6a041ccd1da06efdfa618747/zerstoerer-vor-fehmarn-putins-taktik-greift-russland-setzt-sich-in-der-ostsee-durch.html) mit einem erheblichen Potenzial an Stromüberschüssen zur Wasserstoffproduktion. Der Preis wäre so wettbewerbsfähig, dass Deutschland Wasserstoff zu einem guten Preis bekäme, während Finnland weiterhin eine attraktive Marge erzielen würde.“ Für Finnland könnten Wasserstoffexporte attraktive Gewinne und wichtige Investitionen in die Infrastruktur bedeuten, so Feller. Und er führt noch ein geopolitisches Argument an: Finnland habe ein indirektes Interesse daran, dass es Deutschland gut gehe. „Wenn das deutsche Bruttoinlandsprodukt um ein Prozent wächst, steigen Finnlands Exporte nach Deutschland um vier Prozent. Und schließlich geht es auch um sicherheitspolitische Interessen. Helsinki möchte nicht, dass Deutschland von russischer Energie abhängig ist. Es ist eine Win-win-Situation.“ Der Autor ist Journalist in Helsinki und Stipendiat der Internationalen Journalistenprogramme (IJP) in Berlin.