Welt 26.04.2026
07:55 Uhr

„Ich bin’s. Ich bin frei“ – Die Nacht, in der Jan Philipp Reemtsma seinen Peinigern entkam


Die 33-tägige Entführung Jan Philipp Reemtsmas erschütterte im April 1996 die Republik. 30 Jahre später wirft der Fall noch immer Fragen auf. Vom größten Teil des Lösegeldes, 30 Millionen D-Mark, ist wohl nichts mehr übrig. Und der Kopf der Bande, Thomas Drach, sitzt in Sicherungsverwahrung.

„Ich bin’s. Ich bin frei“ – Die Nacht, in der Jan Philipp Reemtsma seinen Peinigern entkam

Kurz vor Mitternacht am 26. April 1996 erreicht Ann Kathrin Scheerer der Anruf, auf den ihre Familie seit Wochen hofft. „Ich bin’s. Ich bin frei“, sagt Jan Philipp Reemtsma – nach 33 Tagen in der Gewalt seiner Entführer. Die Täter haben ihn in einem Waldstück bei Maschen südlich von Hamburg zurückgelassen. Der 43-Jährige schlägt sich durch die Dunkelheit, bis er auf eine Siedlung stößt. Er klingelt an einer Haustür, bittet darum, telefonieren zu dürfen. Wenig später ist er in Sicherheit. In dieser Nacht vor genau 30 Jahren endet einer der aufsehenerregendsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte. Bis dahin ist das Verbrechen vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen geblieben. Zwischen Familie, Ermittlern und Medien gilt ein Stillhalteabkommen. Der Fall soll nicht zusätzlich eskalieren. Erst als Reemtsma wieder auftaucht, wird das ganze Ausmaß des Verbrechens sichtbar. Die Entführung beginnt am Abend des 25. März auf Reemtsmas Anwesen in Hamburg-Blankenese. Der 43-Jährige geht zu seinem Arbeitshaus, das knapp 50 Meter vom Wohnhaus entfernt liegt, um Bücher zu holen. Dort fallen zwei Männer über ihn her, schlagen ihn nieder, zerren ihn in ein Auto und fahren mit ihm davon. Auf dem Grundstück bleibt ein Erpresserbrief zurück, beschwert mit einer Handgranate. Die Täter bringen Reemtsma in den Keller eines Hauses in Garlstedt bei Bremen. Dort halten sie ihn wochenlang fest. Er wird in einem winzigen Raum angekettet, von der Außenwelt isoliert. Sie drohen mit seinem Tod. Ihnen geht es nur um eines: Geld. Zunächst fordern sie 20 Millionen D-Mark, später erhöhen sie den Betrag auf 30 Millionen. Reemtsma ist kein Zufallsopfer. Er stammt aus einer Unternehmerfamilie, verfügt über ein enormes Vermögen. Von seinem Vater hat er Anteile an den Reemtsma Cigarettenfabriken geerbt. 1980 verkauft er mit seiner Mutter das Mehrheitspaket. Er ist jedoch nicht nur vermögend, sondern auch prominent und gesellschaftlich sichtbar. Seit Jahren fördert er Wissenschaft, Kultur und intellektuelle Debatten in Deutschland. 1981 gründet er die Arno Schmidt Stiftung, 1984 folgen das Hamburger Institut für Sozialforschung sowie die Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur. Für seine Entführer offenbar eine ideale Zielperson. Zwei Versuche, das Lösegeld zu übergeben, scheitern. Schließlich übernehmen zwei enge Vertraute Reemtsmas die entscheidende Übergabe: der Hamburger Pastor Christian Arndt und der Kieler Soziologe Lars Clausen. Ein dritter Helfer, der Hamburger Sozialarbeiter Michael Herrmann, organisiert den Wagen. Am 24. April lotsen die Entführer die Geldboten stundenlang telefonisch durch Norddeutschland bis in die Gegend von Krefeld. Im Auto liegen zwei Reisetaschen, gefüllt mit Millionenbeträgen in D-Mark und Schweizer Franken. Der Wagen wird später verlassen aufgefunden. Reemtsma bleibt 43 weitere Stunden in der Gewalt seiner Entführer. Mit seiner Rückkehr beginnt die Jagd auf die Täter, bei der der Entführte selbst entscheidende Hinweise gibt. Seine Schilderungen des Verstecks sind so präzise, dass die Polizei das Haus in Garlstedt identifizieren kann. Hinzu kommen Mietunterlagen, Sprachaufnahmen und Aussagen von Zeugen. Das Bild der Tätergruppe verdichtet sich schnell. Wolfgang Koszics und Peter Richter werden gefasst und verurteilt, Piotr Laskowski stellt sich später selbst. Der Kopf der Bande aber bleibt zunächst verschwunden. Thomas Drach, schon vor der Entführung als Schwerkrimineller bekannt, entzieht sich der Fahndung fast zwei Jahre lang. Im März 1998 wird er in Buenos Aires festgenommen, 2000 ausgeliefert. 2001 verurteilt ihn das Landgericht Hamburg wegen erpresserischen Menschenraubs zu 14 Jahren und sechs Monaten Haft. Drachs kriminelle Laufbahn reißt nicht ab Auch danach reißt seine kriminelle Laufbahn nicht ab. Noch während der Haft wird Drach erneut straffällig. Nach seiner Entlassung lebt er zeitweise auf Ibiza. 2021 wird er in den Niederlanden festgenommen. Hintergrund sind mehrere Überfälle auf Geldtransporter. Im Januar 2024 verurteilt ihn das Landgericht Köln deshalb zu 15 Jahren Haft und ordnet anschließende Sicherungsverwahrung an. Vom Lösegeld fehlt bis heute der weitaus größte Teil. Ermittler gehen heute davon aus, dass nichts mehr davon übrig ist: Luxusleben, Veruntreuung unter Freunden, Kosten für Geldwäsche. Ein von Reemtsma engagiertes Sicherheitsunternehmen spürte den Millionen nach, behielt die Entführer und ihre Kumpanen im Auge. Jan Philipp Reemtsma selbst beantwortet das Verbrechen auf seine Weise: mit Sprache und Analyse. 1997 erscheint sein Buch „Im Keller“. Es ist sein Versuch, das Geschehene zu verarbeiten.