Welt 02.06.2026
10:56 Uhr

„Ich möchte etwas anders sein“


David Raum ist Linksfuß und nicht nur auf dem Platz kreativ. Der deutsche Nationalspieler legt als DJ auf und produziert sogar selbst. Ein Gespräch über Musik, gute Laune, Tattoos – und das WM-Gefühl.

„Ich möchte etwas anders sein“

Er reiste nach Mallorca. Mit einem eigens organisierten Trainer und Physiotherapeuten verbrachte er dort einige Tage. David Raum ließ nichts unversucht, um sich fit für die WM zu halten. Unter Bundestrainer Julian Nagelsmann (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/julian-nagelsmann/) ist der 28-Jährige, der seit einem Jahr Kapitän bei RB Leipzig (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/bundesliga/rb-leipzig/) ist, links in der Viererkette gesetzt. Raums Spiel ist geprägt von Dynamik und großem Einsatz, den er auch außerhalb des Platzes zeigt. Raum liebt Musik. Er legt als DJ auf und produziert inzwischen auch selbst Tracks. WELT AM SONNTAG: Herr Raum, Linksfüßer sind im Sport von Klischees und Mythen umgeben. Ihnen wird oft nachgesagt, kreativer, künstlerischer und intelligenter zu sein als Rechtsfüßer. Stimmen Sie dem zu? David Raum: Ich weiß nicht, ob wir Linksfüßer kreativer als Rechtsfüßer sind – und ob das nun davon abhängt, mit welchem Fuß du bevorzugt schießt. Ich denke, auf dem Platz haben wir Linksfüßer im Vergleich zu den Rechtsfüßern, die zumeist eher sehr ausgeglichen sind, mit unserem linken Fuß ein extrem starkes Ass im Ärmel. Ich kenne keinen Linksfuß, der nicht richtig gut schießen kann. Aber ich würde mich persönlich schon als kreative Person bezeichnen, auf dem Platz in meinem Spiel – und auch neben dem Platz. WAMS: Was das Kreative außerhalb des Fußballs betrifft: Sie legen in unregelmäßigem Abstand als „DJ Roomer“ auf. Was geben Sie den Gästen für Musik auf die Ohren? Raum: Inzwischen probiere ich mich nicht nur im Auflegen, sondern auch im Produzieren. Ich habe mir zu Hause ein eigenes Studio eingerichtet, in dem ich mit Freunden arbeite, die ich in der Musikindustrie habe. Da wir viel reisen müssen, nutze ich manchmal auch die Zeit im Flugzeug, wenn wir zu einem Spiel fliegen. Dann klappe ich den Laptop auf und arbeite an Musik. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, in meiner freien Zeit nur Serien – oder was auch immer – zu schauen. Ich wollte etwas machen, ich wollte produktiv sein. Und das Produzieren von Musiktracks ist genau das Richtige für mich. Da habe ich einen Baukasten an Beats, Drums und Musikinstrumenten, mit dem ich experimentiere. In Zukunft wird es bestimmt mal etwas Eigenes von mir geben. Was ich auflege? Das ist meistens House Music – Afro House, Deep House, bisschen Tech House, Melodic House. Von allem ist ein bisschen dabei, meistens zwischen 118 und 124 Beats „per minute“. Das ist das perfekte Tempo zum Tanzen. Ich habe früher immer sehr, sehr viel Rap und Hip-Hop gehört, doch irgendwann bin ich umgeswitcht. Ich finde, House Music kann man immer hören, selbst wenn es regnet oder schneit. Sie gibt einem dann ein sehr schönes Gefühl. Und wenn ich den Leuten am Ende nicht nur auf dem Platz, sondern auch in einem Club oder einer Bar gute Laune bereiten kann, freut mich das. WAMS: Spielen Sie selbst ein Instrument? Raum: Ich hatte mal eine Schlagzeugstunde – und ich wollte Gitarre lernen. Aber der Gitarrenunterricht passte von der Zeit her nicht mit dem Fußballtraining überein. Vor einigen Jahren habe ich schließlich gemerkt, dass ich abseits des Fußballs etwas brauche, das mich ablenkt – und das ist jetzt das Auflegen oder das Produzieren. Ich bin ein Quereinsteiger und habe mir die musikalischen Grundlagen selbst beigebracht. Auch die Akkorde kann ich mittlerweile. Da helfen die vielen Videos natürlich, die es im Netz gibt. Mir macht das alles sehr viel Spaß. Und irgendwann gibt es ja auch ein Leben nach der Karriere. Ich würde es aktuell spannend finden, dann etwas mit Musik zu machen. WAMS: Gibt Ihnen das Auflegen etwas, was Ihnen der Fußball nicht geben kann? Raum: Schwer zu sagen. Auf dem Platz agiere ich in einem Team. Beim Auflegen dagegen bin ich allein für die Unterhaltung der ganzen Leute zuständig. Vielleicht reizt mich das auch ein wenig. WAMS: Beeinflusst Musik in irgendeiner Form Ihr Spiel? Raum: Nein, es ist eher so, dass mich Musik motiviert. Wenn ich die richtige Musik vor einem Spiel höre, glaube ich schon, dass es mir hilft, zu performen. Wenn ich etwas höre, bin ich bei mir – ob in der Vorbereitung oder der Nachbereitung eines Spiels. Das tut mir gut. WAMS: Nun werden sich einige fragen, was denn David Raum so hört. Haben Sie ein paar gute Empfehlungen? Raum: Jeder, der wirklich Lust hat, das zu hören, was ich höre, kann das tun. Bei Spotify gibt es eine öffentlich zugängliche Playlist von mir – Roomer Radio. Das ist meine Playlist, die ich tagtäglich höre, auf dem Weg zum Training oder zu einem Spiel. Die Liste wird regelmäßig aktualisiert. Und wie gesagt, irgendwann kann ich den Leuten vielleicht mal einen eigenen Track vorstellen. WAMS: Fühlen Sie sich auf dem Platz eigentlich eher als Teil eines Orchesters oder als Dirigent? Raum: Seit der abgelaufenen Saison, in der ich Kapitän der Mannschaft war, auf jeden Fall etwas mehr als Dirigent – auch wenn das eigentlich natürlich der Coach ist. Vorher habe ich vielleicht auch schon eine wichtige Geige gespielt, um mal beim Orchester zu bleiben. Wir haben natürlich mehrere Spieler, die vorangehen und mich als Kapitän unterstützen. Aber für die Grundstimmung oder dafür, dass wir alle wirklich im selben Takt spielen, das gleiche Ziel haben und die richtige Einstellung auf den Platz bringen, kann ein Kapitän am Ende genauso wichtig sein wie der Trainer. Und weil ich in meinem Spiel viel über die Mentalität komme, versuche ich, die Jungs als Dirigent auf dem Platz anzustecken. WAMS: Was macht einen guten DJ eigentlich aus? Raum: Er muss die Stimmung im Publikum lesen und das Ambiente sowie die Location richtig einschätzen. Welche Musik kann man in welcher Location spielen – und mit welchem Publikum? Du brauchst ein Gefühl für das Ganze. Welche Musik passt jetzt – eine etwas leichtere Musik mit Vocals oder eine etwas tiefere Musik mit Bässen? Gehe ich mit der Geschwindigkeit der Musik etwas hoch? Letztlich geht es darum, die Leute, die kommen, um dich auflegen zu sehen, gut zu unterhalten. WAMS: Haben Sie Vorbilder in der Branche oder DJs, denen Sie gern zuhören? Raum: Da gibt es natürlich die ganz Großen, etwa die Jungs von „Keinemusik“, die ich auch schon persönlich kennenlernen durfte. Mit dem, was sie machen, haben sie mich inspiriert. Kekura finde ich auch sehr gut. Zudem habe ich Freunde im Musikgeschäft, die noch etwas unbekanntere kleinere Producer oder DJs sind. Das sind alles gute Leute. WAMS: Herr Raum, wie gut kennen Sie eigentlich Christopher Trimmel vom 1. FC Union? Raum: Ich kenne ihn als Gegenspieler – ich als Linksverteidiger, er als Rechtsverteidiger. Wir haben sicher schon fünf, sechs Mal gegeneinander gespielt. Ich habe bislang nur Gutes über ihn gehört. Ein Typ mit Charakter, der sehr viel für Union geleistet hat. Aber ich kann mir denken, warum Sie mich auf ihn ansprechen. Es geht bestimmt um seine Tätowierungen. Er ist genauso „zugehackt“ wie ich. Das macht ihn sympathisch ( lacht ). Ich weiß, dass er sich nicht nur Tattoos (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/tattoos/) stechen lässt, sondern selbst Tätowierer ist. Ich habe mir vor einigen Jahren selbst mal eine Tattoomaschine bestellt, um das auszuprobieren. Aber auf Kunsthaut natürlich – nicht, dass sie denken, ich habe mich an Menschen versucht. Doch das Tätowieren liegt mir nicht so. Christopher Trimmel hat offenbar seine Leidenschaft darin gefunden. Für mich ist es die Musik. WAMS: Wissen Sie eigentlich, wie viele Tattoos Sie haben? Raum: Das sind sicher über 100. Ich weiß es nicht so genau. WAMS: Sind Ihre Tattoos eher eine Art Tagebuch oder eine Haltung? Raum: Weder noch. Bei mir ist es so, dass ich es während der Saison gar nicht mache. Tattoos sind immer eine kleine Verletzung, die im Anschluss heilen muss – und das braucht seine Zeit. Deshalb lasse ich mir oft das eine oder andere Tattoo am ersten Urlaubstag stechen. Da treffe ich mich morgens so gegen 9 Uhr mit meinem Tätowierer, ohne vorher zu wissen, was ich mir wenig später von ihm stechen lasse. Wir begeben uns dann gemeinsam auf die Suche nach Motiven und fangen an; das kann bis tief in die Nacht gehen. Das sind dann ganze Tage, die wir gemeinsam verbringen. Im Anschluss kann ich dann entspannt Urlaub machen. Viele Tattoos, die ich habe, sind einfach recht spontan entstanden. So lebe ich auch ein bisschen. Ich bin ein spontaner Mensch, der Entscheidungen nach Gefühl trifft, aber dazu steht. Und genauso ist es auch mit meinen Tätowierungen. WAMS: Ein Lebensgefühl also. Raum: Ja, irgendwie schon. Am Ende sind es nicht nur die Tattoos, die das beschreiben, auch das, was ich trage. Mir ist Mode sehr wichtig. Ich will meinen eigenen Style finden und nicht aussehen, wie jeder andere. So ist das mit den Tattoos, meiner Frisur, mit der Musik – ich möchte etwas anders sein. Mir geht es nicht darum, anderen zu gefallen. Ich will mich nicht verbiegen. Ich mache das, worauf ich Lust habe. Und entweder gefällt es den Leuten oder nicht. Das ist meine Art. WAMS: Herr Raum, in Kürze beginnt die Fußball-WM. In der Öffentlichkeit genießt die deutsche Nationalmannschaft (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/deutsche-fussball-nationalmannschaft/) aktuell kein großes Vertrauen – die Stimmung könnte besser sein. Raum: Ich sehe es nicht ganz so kritisch, aber es könnte noch besser sein, da brauchen wir nicht drumherum reden. Ich bin jetzt schon ein bisschen dabei und habe die vergangene WM ( 2022 in Katar – d. R. ) mitgespielt. Sie wissen sicher noch, wie da die Stimmung vorher und auch danach war. WAMS: Wir wissen es… Raum: … und deshalb würde ich schon sagen, dass es einen positiven Trend gibt. Ich denke, dass es uns gelungen ist, die Leute mit dem letzten Spiel in der WM-Qualifikation (verlinkt auf https://www.welt.de/sport/fussball/article691b8c84e2c7d59420f7a0b9/deutschland-bei-der-wm-eine-graetsche-der-entschlossenheit.html) ( 6:0 gegen die Slowakei – d. R. ) wieder mitzuziehen. Wir haben im Anschluss zwar nicht so überzeugend gewonnen ( 4:3 gegen die Schweiz, 2:1 gegen Ghana – d. R. ), doch wir haben gewonnen. Das ist am Ende wichtig, gerade mit Blick auf das Turnier, vor dem wir stehen. Wissen Sie, wenn der Hype jetzt in dem Moment noch nicht da ist, kann ich das verstehen. Aber wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es, dass wir mit Turnierbeginn wieder diese Euphorie ins Land bekommen, die wir bei unserer Heim-EM hatten. Wenn wir es schaffen, dass die Leute wieder auf den Straßen mit den Trikots herumlaufen, dass sie sich treffen, um gemeinsam Fußball zu schauen, dass sie sich für uns interessieren und wissen wollen, wie wir als Mannschaft funktionieren, dann wäre das schön. Wir Spieler müssen nahbar sein und auf dem Platz zeigen, dass wir ein Team und bereit sind, für Deutschland alles zu geben. Wenn uns das gelingt, dann begeistern wir das Land auch wieder. Und um noch einmal den Bogen zur Musik zu schlagen: Wenn uns als Orchester am Anfang der WM nur ein paar Leute zuschauen, ist das in Ordnung. Wichtig aber ist, dass das Publikum von Spiel zu Spiel größer wird und die Leute dem deutschen Orchester am Ende das Haus einrennen. WAMS: Bei der EM vor zwei Jahren hatte das Team mit Kanarienvogel Ringo im Camp ein Haustier, das auch auf Ihre Initiative hin organisiert wurde. Wie geht es ihm und gibt es bereits eine Idee für die Zeit in den USA? Raum: Ringo geht es gut. Wir haben noch Kontakt zu seiner neuen Besitzerin. Wenn wir im Campus in Herzogenaurach (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/herzogenaurach/) sind, erkundigen wir uns immer nach ihm. Was die Zeit in den USA betrifft, schauen wir mal, was es dort so für witzige Tiere gibt, die wir ins Camp bringen können. Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/lars-gartenschlaeger/) seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei sechs EM-Turnieren – und nun folgt die sechste WM. Musik hört er ebenfalls gern, Tattoos aber schaut er sich nur an.