Welt 03.06.2026
07:29 Uhr

„Joa!!“ – Als ein 17-Jähriger nicht nur die Tenniswelt in Staunen versetzte


Boris Becker gelang 1985 die Sensation des Jahres. Er gewann als 17-Jähriger Wimbledon und wurde ein Superstar – in bester Gesellschaft: Nie davor und nie danach versammelte Tennis so viele Charismatiker wie in dieser Epoche. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

„Joa!!“ – Als ein 17-Jähriger nicht nur die Tenniswelt in Staunen versetzte

Wenn der Urknall keine Legende ist, muss er sich ungefähr angehört haben wie der Aufschlag des Jungen mit dem rotblonden Schopf. Gewann er unter Stöhnen einen besonderen Ballwechsel, ballte er die Linke zur Faust und brüllte: „Joa!!“ Er rannte und prügelte mit dem Schläger so auf den Ball ein, dass man Mitleid mit dem Spielgerät haben konnte. Er hechtete am Netz den Returns seines Gegners hinterher, bis sein Trikot über und über von Staub bedeckt war. Oder, um es kurz zu sagen: An diesem 7. Juli 1985 siegte auf dem Rasen von Wimbledon die Gewalt. Sie trug den Namen Boris Becker. WELT berichtete am Tag nach dem Tennis-Triumph auf der Titelseite und zitierte aus den Glückwünschen des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Wir alle haben Ihre Spiele in den letzten Tagen mit begeistertem Herzklopfen und den Höhepunkt heute Nachmittag mit atemloser Spannung verfolgt. Ich habe die Sicherheit bewundert, mit der Sie sich durchgesetzt haben, und beglückwünsche Sie zu dem großartigen Erfolg und Ihrer sportlichen Leistung und Haltung.“ Das Turnier selbst atmet eigentlich einen ganz anderen Geist als das brachiale Tennis (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/tennis/) , das Becker zum Sieg verholfen hatte. Wimbledon (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/wimbledon/) ist fester Bestandteil des Terminkalenders der englischen Oberschicht – und damit eine Oase der angelsächsischen Zivilisation. Adel und Großbürgertum treffen sich und nutzen die Gelegenheit, bei einem Glas Champagner mit Erdbeeren ein wenig Klatsch und Small Talk auszutauschen. Wie dazu ein 17-jähriger Deutscher passt, der alle Klischees erfüllt, die die Briten so gegenüber den Teutonen pflegen? Größer als das Wunder, dass Becker zum jüngsten Wimbledon-Champion aller Zeiten aufstieg, war wohl noch die Tatsache, dass ihn alle Welt spontan ins Herz geschlossen hatte. Die Engländer machten da keine Ausnahme, irgendwie bezirzte sie das fröhliche „Hallo, ich bin hier“-Grinsen und die Tatsache, dass der Typ mit dem Racket auf dem Platz alles herausließ, was dem Gentleman untersagt ist. In Deutschland war die Zeit ohnehin reif für einen neuen Helden. Der Nationalsport Fußball sah so aus, dass die Bundesligateams in Stadionruinen oft genug uninspirierte Tretereien vorführten, die Spielstätten blieben häufig beinahe leer – und nach der Begegnung liefen friedliche Zuschauer Gefahr, von Hooligans noch gratis ein paar Hiebe eingeschenkt zu bekommen. Die Leichtathletik hatte mit der Hochspringerin Ulrike Meyfarth zwar eine Integrationsfigur, auch der Schwimmer Michael Groß war populär. Doch Gefühlsräusche beim Publikum löste das nicht aus. Tennis aber, das ist die reine Einsamkeit in einem persönlichen Duell: Ballwechsel für Ballwechsel, Punkt für Punkt, Satz für Satz, Match für Match, Turnier für Turnier – ein Boxer darf auf einen Rat seines Trainers in der Rundenpause hoffen, ein Tennisspieler bleibt auf dem Court völlig allein mit sich und dem Gegner. Spieler wie Michael Westphal und Andreas Maurer hatten in der Bundesrepublik allerdings dafür gesorgt, dass auf dem Platz nichts Bemerkenswertes passierte, mit Becker aber begann das große Drama. Dieser Typ vereinte alles, was die Zuschauer süchtig macht. Da war sein Stil: an der Grenze zur Brutalität, immer mit vollem Einsatz, immer in der Gefahr, psychisch abzustürzen – mit Becker erhielt die Redewendung „Ich war mental nicht gut drauf“ Einzug in Deutschland. Da war seine Jugend: Dass jemand mit 17 Jahren den Ruhm über Nacht kaum verkraften konnte, löste bei den einen echte Sorge aus. Die anderen schrieben wunderbar heuchlerische Artikel, die Anteilnahme vortäuschten, sich aber in Wahrheit darin suhlten, dass da jemand an der Grenze des Zusammenbruchs agierte. Da war sein Benehmen abseits des Platzes, das immer etwas linkisch wirkte, ein Junge aus Leimen und damit aus dem Inbegriff der Provinz, über den man sich erhaben fühlen durfte, obwohl er Herausragendes leistete. Sportlich war Becker ein Geliebter der Zeit. Nie davor und nie danach versammelte Tennis so viele Charismatiker wie in dieser Epoche. Der Amerikaner John McEnroe: kein bisschen athletisch, aber trotzdem immer im Angriff, ob er nun den Gegner wegfegte oder Zuschauer und Schiedsrichter anschrie. Der Tscheche Ivan Lendl (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/ivan-lendl/) : ein besessener Asket, bei dem man vermutlich einen Tennisball gefunden hätte, wenn man den Kopf aufgeschnitten hätte. Der Tscheche Miroslav Mecir, der Gegner mit seinen Passierbällen wie die letzten Tölpel aussehen ließ, wenn er nicht psychisch zusammenbrach und kaum mehr aufschlagen konnte. Dazu die netten Schweden Mats Wilander (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/mats-wilander/) und Stefan Edberg. Erst an ihnen wurde klar, wer oder was Boris Becker (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/boris-becker/) wirklich war. So drosch er sich mit seinen Rivalen in Melbourne, Paris, London, New York oder irgendwo sonst auf dem Planeten die Bälle um die Ohren – und Teile der westdeutschen Jugend eiferten ihm nach. Das Drama in einem Vorort-Verein mochte nicht ganz so groß ausfallen wie bei einem Grand-Slam-Turnier. Aber die Einsamkeit konnte man auch auf dem letzten Ascheplatz erleben, und ob das Millionenpublikum, dem man nach dem Spiel ein Interview gewährte, nun real oder imaginiert war, machte kaum einen Unterschied. Der Held im Fernsehen gewann Grand-Slam-Turniere und Davis-Cup-Schlachten, er verlor und schimpfte mit sich selbst – „Mann, der Ball soll drüber übers Netz, drüber!“ –, aber als er 1991 gegen Michael Stich (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/michael-stich/) das Finale in Wimbledon verlor, wussten alle, dass der Sieger nie ein so großes Ding werden würde wie der Verlierer. Stich war ruhig, er konnte Becker unmöglich beerben. Der spielte weiter bis zum 30. Juni 1999, als er in Wimbledon im Achtelfinale ausschied. Längst waren die Charismatiker um ihn herum nicht mehr da, stattdessen dominierte mit Pete Sampras (verlinkt auf https://www.welt.de/themen/pete-sampras/) ein Spieler allein den Sport. Gebietet es die Chronistenpflicht, auf Boris Beckers Privatleben einzugehen? Vermutlich nicht, er hat ja nie eins besessen. Becker war von Beginn an ein gläserner Star, und so blieben persönliche Angriffe und Heuchelei seine ständigen Begleiter – vielleicht wären sie es auch geblieben, wenn er sich abseits des Platzes weniger Fehler geleistet hätte. Es gibt Idole, die sind zu groß dafür, dass sie darauf hoffen dürften, ihr Image durch ihr Verhalten zu beeinflussen. Man mag das traurig finden. Doch immerhin lebt dadurch das Bild des 17-Jährigen weiter, der 1985 in Wimbledon mit einer Urgewalt den Sieg errang, die niemand vorher erlebt hatte. So etwas ist nur den allerwenigsten Menschen vergönnt. Philip Cassier (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/philip-cassier/) war als Elfjähriger so entflammt, dass er glaubte, bei jedem Match mit auf dem Platz zu stehen. Nach dem Finale spendierte ihm seine Mutter einen Eisbecher. Er hatte ihn sich verdient.