Welt 03.06.2026
18:00 Uhr

Keine Zusammenarbeit mit der AfD? So verändert sich die Haltung der Deutschen


Ist es richtig, dass die CDU jede Zusammenarbeit mit AfD und Linkspartei ausschließt? Der neue Deutschlandtrend zeigt, dass sich die Haltung der Bürger deutlich verschiebt.

Keine Zusammenarbeit mit der AfD? So verändert sich die Haltung der Deutschen

Die Debatte um die „Brandmauer“ zur AfD geht offenbar zunehmend an den Wünschen der Bürger vorbei. Der Unvereinbarkeitsbeschluss, mit dem die CDU eine Zusammenarbeit mit der Rechtsaußenpartei ausschließt, stößt auf wachsende Kritik. 47 Prozent der Befragten bezeichnen den „Ausschluss einer Zusammenarbeit mit der AfD“ im Deutschlandtrend von Infratest Dimap im Auftrag von ARD-„Tagesthemen“ und WELT als „nicht richtig“. Das sind zwölf Prozentpunkte mehr als im September 2024. Die Zustimmung zum Ausschluss bröckelte im gleichen Zeitraum um 13 Prozentpunkte und beträgt ebenfalls 47 Prozent. Die Lager der Befürworter und Gegner halten sich also inzwischen die Waage. Unter den Anhängern der CDU ist eine Mehrheit von 62 Prozent gegen eine Zusammenarbeit mit der AfD. Auf noch mehr Kritik stößt der Beschluss der Union, auch mit der Linkspartei nicht zusammenzuarbeiten. Nur 33 Prozent der Bevölkerung erklären diese Positionierung für richtig – 56 Prozent finden sie falsch. Selbst unter den Unionsanhängern hält nur noch eine knappe Mehrheit von 51 Prozent den Beschluss für richtig. In einer Zeit, in der die Mitte immer weiter schrumpft, haben viele offenbar Sehnsucht nach einer Erweiterung der Bündnis-Optionen. Vor allem die Ostdeutschen zeigen sich hier beweglich: Während es in Westdeutschland noch eine knappe Mehrheit von 50 zu 45 Prozent für den Ausschluss einer Zusammenarbeit mit der AfD gibt, spricht sich im Osten die Mehrheit von 58 zu 34 Prozent dagegen aus. Gegen den Unvereinbarkeitsbeschluss mit der Linken gibt es eine Mehrheit sowohl in West- (56 Prozent) als auch in Ostdeutschland (58). In der Sonntagsfrage zeigt sich, wie schwierig eine Regierungsbildung derzeit wäre. Würde am Sonntag gewählt, wäre die AfD mit 27 Prozent im Vergleich zum Vormonat unverändert stärkste Kraft. Die CDU/CSU käme auf 23 Prozent (minus ein Punkt), die SPD auf 13 (plus eins), die Grünen auf 14 (minus eins) und die Linkspartei unverändert auf zehn Prozent. Das BSW wäre mit drei Prozent nicht im Parlament, und auch die FDP bliebe mit vier Prozent unter der Fünf-Prozent-Hürde. Kurz nach ihrem Parteitag lässt sich somit kein Aufwärtstrend für die Liberalen ablesen. „Enttäuschung“ als treibender Faktor für AfD-Anhänger Infratest Dimap fragte diesmal auch ab, woraus sich die Präferenz für eine bestimmte Partei speist. Überraschend dabei: Vielfach gründet die Entscheidung zugunsten einer Partei nicht in der Begeisterung für das dortige Angebot, sondern im Fehlen attraktiver Alternativen. Jeder Zweite (50 Prozent) bevorzugt seine Partei aus „Überzeugung“, mit 46 Prozent tun das aber fast ebenso viele aus „Enttäuschung“ über die anderen Parteien. Im März 2018, als diese Frage zuletzt gestellt wurde, hatten noch 61 Prozent geantwortet, ihre Partei aus Überzeugung zu wählen. Besonders dominant ist „Enttäuschung“ als Motiv für die Parteipräferenz bei den Anhängern der AfD. 57 Prozent von ihnen bevorzugen die Partei vor allem wegen des enttäuschenden Angebots der Konkurrenz. Zugleich sind die AfD-Anhänger am überzeugtesten vom Spitzenpersonal ihrer Partei: Für 17 Prozent ist die Führung um die Parteichefs Alice Weidel und Tino Chrupalla ausschlaggebend für ihre Wahlentscheidung – für die Anhänger der anderen Bundestagsparteien ist das Personal an der Spitze weniger wichtig. Insgesamt überwiegen aber bei den Wählern aller Parteien inhaltliche Gründe bei ihrer Wahlentscheidung, bei Union und SPD auch langjährige Parteibindung. Anhänger von Linkspartei und Grünen orientieren sich vor allem am politischen Programm ihrer Partei. Besondere Probleme mit ihrem politischen Spitzenpersonal hat derzeit vor allem die Union. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) landet auf der Beliebtheitsskala weit unten, nur 16 Prozent sind mit seiner Arbeit zufrieden oder sehr zufrieden, 82 Prozent sind „weniger“ oder „gar nicht“ zufrieden. In der Union hatte es in den vergangenen zwei Wochen Gerüchte um einen angeblich geplanten „Kanzlertausch“ (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/plus6a171ebd074b8cc92f728933/merz-gegen-wuest-warum-das-kanzlertausch-szenario-jetzt-hochkocht.html) gegeben. Solcherlei Überlegungen wurden inzwischen hart dementiert. Fest steht: Der angebliche Einwechsel-Kandidat, Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU), rangiert im Ranking der beliebtesten Politiker weit vor Merz. Mit 31 Prozent Zustimmung landet er auf dem zweiten Rang hinter Verteidigungsminister Boris Pistorius (verlinkt auf https://www.welt.de/debatte/plus69eb4ca58cfdf39fd4bbc1b8/verteidigungsminister-boris-pistorius-verspielt-sein-politisches-kapital.html) (SPD), mit dessen Arbeit 54 Prozent zufrieden sind. Der neue FDP-Chef Wolfgang Kubicki (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/deutschland/article6a1d1391bf5b78f90d00a84b/kubicki-vs-strack-zimmermann-nicht-dass-du-dir-versehentlich-weh-tust-fdp-politikerin-postet-hammer-foto.html) kommt auf 21 Prozent Zustimmung und liegt damit gleichauf mit Vizekanzler Lars Klingbeil (SPD) sowie Innenminister Alexander Dobrindt (CSU). Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) kann zwar leicht zulegen, erzielt aber dennoch nur 15 Prozent Zustimmung. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung nimmt gegenüber den ohnehin schon schlechten Werten des Vormonats um einen Prozentpunkt zu: 46 Prozent der Bundesbürger sind „gar nicht“ zufrieden, weitere 41 Prozent „weniger zufrieden“. Zufrieden äußern sich lediglich elf Prozent, „sehr zufrieden“ nur ein Prozent. Insgesamt schätzen die Bundesbürger die wirtschaftliche Lage des Landes als desaströs schlecht ein. Für 27 Prozent ist die wirtschaftliche Lage das wichtigste Thema derzeit, deutlich vor dem Thema Flucht und Migration (21). Nur 13 Prozent bewerten die wirtschaftliche Lage derzeit als „gut“, 45 Prozent hingegen als „weniger gut“. Und 40 Prozent bewerten sie als „schlecht“, das sind elf Prozentpunkte mehr als im Januar. Am optimistischsten zeigen sich hier noch die Anhänger der Grünen, am pessimistischsten die der AfD. Eine Verbesserung erwarten im kommenden Jahr die wenigsten. Nur sechs Prozent glauben, dass es ihnen selbst in einem Jahr besser gehen werde als heute. 53 Prozent rechnen mit einer unveränderten Situation. 38 Prozent stellen sich auf eine weitere Verschlechterung ein – das ist der höchste Wert seit der Euro-Krise 2009 und zeugt von einer tiefgreifenden Depression. Zur Methodik: Für den Deutschlandtrend hat Infratest Dimap vom 1. bis 2. Juni 1326 wahlberechtigte Bürger in 791 Telefon- und 535 Online-Interviews befragt. Die Fehlertoleranz liegt zwischen zwei und drei Prozentpunkten. Sabine Menkens (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sabine-menkens/) berichtet über gesellschafts-, bildungs- und familienpolitische Themen.