Welt 05.06.2026
11:40 Uhr

Mit Javier Bardem zum „Kap der Angst“


Martin Scorsese und Steven Spielberg haben den Hollywood-Klassiker „Kap der Angst“ als Serie neu aufgelegt: Javier Bardem muss in die Fußstapfen von Robert De Niro und Robert Mitchum treten. Klingt eigentlich nach einer guten Idee.

Mit Javier Bardem zum „Kap der Angst“

Eben noch war hier Barbecue gewesen. Große Villa, Grill, Gefrotzel. Natalie und Zack, die Kinder, waren ein bisschen komisch, aber so sind Pubertierende halt. Anna Bowden hatte Tom, ihrem smarten Mann, in die Augen geschaut und sich und ihn gefragt, ob sie das alles hier verdienten. „Blöde Frage“, möchten wir ihr zurufen. Und: „Natürlich gar nicht!“ Und ihr raten, dass sie möglichst rasch ihre Rama-Familie in eins ihrer Autos packen sollte und aus dieser gottverdammten Serie verschwinden, in die sie dank Martin Scorsese, Steven Spielberg und Nick Antosca geraten ist. Weil wir schon wissen, was kommt in „Kap der Angst“. Was zum einen daran liegt, dass es eine der Lieblingsbeschäftigungen des amerikanischen Films ist, auf die Familie – Heiligtum und Kernzelle der amerikanischen Gesellschaft – so lange mit allen Mitteln der Erzählkunst einzudreschen, bis nur noch ein Trümmerfeld übrig ist. Zum anderen kennen wir die Bowdens schon richtig lange. Der von Showrunner Nick Antosca verantwortete und von Spielberg und Scorsese produzierte Zehnteiler beruht auf „Cape Fear“, Martin Scorseses erstem Mainstream-Thriller von 1991, der wiederum auf J. Lee Thompsons „Ein Köder für die Bestie“ beruhte, der 1962 in die Kinos kam (und wiederum auf dem 1957 erschienenen Roman „The Executioners“ des legendären John D. MacDonald fußte). Wenn das Böse vor der Tür steht Die Kernfrage der Geschichte vom Untergang des Hauses Bowden ist immer die gleiche: Was geschieht mit einer wohltemperiert bürgerlichen, durchschnittlich dysfunktionalen Familie, wenn das absolut Böse an der Tür klingelt? Das personifizierte Böse in dieser Geschichte ist Max Cady: Vergewaltiger, Mörder, weggesperrt (möglicherweise zu Unrecht), bis er nach 17 Jahren frei kommt. 1962 wurde Cady von Robert Mitchum gespielt, als kalkulierender Killer, der den Kinosaal runterkühlte, sobald er auf der Leinwand erschien. 1991 schlüpfte dann Robert De Niro in die Rolle, und zwar als hochgefährliches Gegenteil. Sein Cady setzte die Lichtspielhäuser in Flammen. De Niro gab einen Erzengel der Finsternis, hochintelligent, frei von jeglicher Moral, ein Mann, der im Knast die Juristerei gelernt und große Teile des religiösen und literarischen bürgerlichen Kanons von Angelus Silesius bis Henry Miller quasi eingeatmet hat. Vergil zitierend und in Zungen redend, hinterlässt De Niro – muskulös, über und über mit religiösen Motiven tätowiert, eine lodernde Fackel des Method Actings – bei jedem, der ihn sieht, ein Brandzeichen im Hirn. Damit hätte es der Filmgott bewenden lassen können. Aber er dachte sich wohl, dass manche Geschichten für jede Generation neu erzählt werden müssen – und ein Herz für die Stoffnöte der geschichtenklammen Streamer hat er halt (leider) auch. Also ließ er in Dreiteufelsnamen Scorsese, Spielberg und Atosca gewähren und diese Apple-Serie produzieren. Die nehmen ein paar ikonische Szenen, ein paar ikonische filmische Mittel aus Scorseses Thriller, lassen sogar Bernard Herrmann sieben ikonische Hörner ihre apokalyptische Fanfare noch markerschütternder über die sinfonische Ursuppe von Soundtrack brüllen als 1962. Und dann fangen sie mit etwas an – zehn Serien-Stunden müssen ja irgendwie gefüllt werden –, was man in der Welt der Bowdens bisher nicht vermisst hat: Sie psychologisieren auf Teufel komm raus und hängen eine knallbunte Lichterkette von Traumata und Versehrtheiten, von Süchten und anderen Abhängigkeiten in den alten Plot. Die Serien-Variation geht so: Die Bowdens sind beide Anwälte (1991 machte Jessica Langes Anna noch in Grafikdesign). Sie haben sich über den Prozess gegen Max Cady kennen- und lieben gelernt. Der soll seine Frau ermordet haben samt des ungeborenen Sohnes. Anna war damals die Verteidigerin, Tom der Staatsanwalt. Sie war schwanger, Natalies biologischer Vater taucht aber nur als Schemen auf. Vielleicht aber war alles auch ganz anders. Irgendwas im Prozess jedenfalls ist damals nicht so ganz korrekt gelaufen – so einfach wie 1991 ist das Gerichtskomplott im Kern von „Cape Fear“ heute nicht mehr. Damals hatte Scorsese die Integrität von Mr. Bowden (windig und wunderbar: Nick Nolte), die 1962 noch makellos war (kein Wunder: Hollywoods Super-Saubermann Gregory Peck spielte damals Bowden), damit ruiniert, dass er ihn eine entlastende Zeugenaussage hatte verschwinden lassen. Aber Nick Antosca hat 2026 ja mehr Zeit. So kann er nach Herzenslust das schlimmstmögliche Ende herbeimenetekeln. Nach kaum einer Viertelstunde etwa liegt eine vierköpfige Stinktierfamilie ertrunken tot am Pool, irgendein Sturm zieht immer auf, und das Bowdensche Heim ist eine Riesenbaustelle. Gespenstisch neue und gespenstisch überflüssige Figuren werden aus dem erzählerischen Nichts herbeifantasiert – eine seltsame Frau mit Maske in Grün etwa, ein von „Wednesday“ ausgeliehenes Horrormädchen. Antosca schichtet Subplots, die wie Bleigewichte am Thrillergeschehen hängen, verrückt den Fokus von Tom auf Anna (gespielt von Amy Adams), bringt juristische Abgründe und Verwicklungen ans Licht und, wie gesagt, therapiebedürftige Versehrtheiten aller Art: Väter aus der Hölle, Incels, sexuelle Identitätssuche, Alkoholismus, Social-Media-Abhängigkeit. Opfer dieser geradezu manischen Innenraumausleuchtung ist erwartbar der Dunkelmann, der ja eigentlich das schwarze Loch sein sollte, um den sich hier alles dreht. Der Cady des Robert De Niro war ein Springteufel, ständig auf des Messers Schneide; der neue Max des Javier Bardem, der ja einer der wirklich großen Filmdämonen der Gegenwart ist, hat im Knast zwar nicht Vergil gelesen, aber anscheinend mehrere Bände Zen und überdies eine Überdosis Ritalin abbekommen. Gebändigt ist dieser Satan, gemessen und seltsam blass. So verbringt man viel Zeit mit Menschen, die einem herzlich egal sind (Amy Adams’ Anna etwa ist so interessant wie eine Chorleiterin, was sie allerdings zur perfekten Partnerin von Patrick Wilsons falbem Tom macht). Ferner lernt man, dass Fitnessgeräte gefährlich sein können, sieht schöne Bilder und bewundert die teure Ausstattung. Die Zeit vergeht. Die Angst aber macht sich am Cape Fear River dieses Mal rar. „Kap der Angst“ ist bei AppleTV zu sehen.