Nach Berichten über ein vom Stadtrat beschlossenes Verbot von Stolpersteinen in der sächsischen Stadt Heidenau, haben zahlreiche Personen des öffentlichen Lebens Kritik geäußert. Israels Botschafter Ron Prosor erklärte am Freitag: „Ich bin beschämt“. Prosor erklärte: „Wer die Opfer aus der Vergangenheit löscht, löscht die Vergangenheit selbst.“ Er forderte, Deutschland brauche „eine klare Brandmauer gegen Antisemitismus – von rechts, von links und aus islamistischen Kreisen“. Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU) sprach von einem „Skandal“. Wer Erinnerungsorte jüdischen Lebens auf Friedhöfe verdrängen wolle, mache Jüdinnen und Juden „noch einmal unsichtbar“, sagte Prien der „Bild“-Zeitung. Die kleinen Messingplatten im Gehweg erinnerten tagtäglich an einzelne Schicksale und daran, welche Verantwortung Deutschland aus dem Holocaust ableiten müsse, führte sie aus und verband das mit einer Mahnung an ihre eigene Partei. „In dieser Verantwortung sehe ich auch die CDU in Sachsen“, sagte sie der Zeitung. Ein entsprechender Antrag von Stadträten von AfD und CDU wurde am Donnerstagabend in Heidenau bei Dresden mehrheitlich beschlossen. Viele Bürger, Angehörige und Initiativen empfänden diese Form der Erinnerung an Opfer des Nationalsozialismus als nicht angemessen, hieß es in dem Antrag. Stattdessen solle das Gedenken vorzugsweise auf dem Nordfriedhof der Stadt stattfinden, so „dass ein direktes Betreten der Gedenkelemente ausgeschlossen ist“. Die Entscheidung löste bundesweit Kritik und Diskussionen aus. Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Charlotte Knobloch, reagierte entsetzt auf den Beschluss. Orte der Erinnerung aus dem Stadtbild zu entfernen, sei der „völlig falsche Weg“, sagte Knobloch den Zeitungen der Funke Mediengruppe. „Und ich bin entsetzt, dass eine demokratische Partei sich dafür hergibt, ein so durchsichtiges Manöver der Extremisten von der AfD zu unterstützen.“ Knobloch erklärte, sie sei keine „Freundin des Konzepts der Stolpersteine“, gleichwohl sei „dezentrales Gedenken, das nicht aus dem öffentlichen Raum verbannt wird, sondern ihn gerade durchdringt und prägt“, entscheidend für eine echte Kultur des Erinnerns. Auch in München etwa werden keine Stolpersteine auf städtischem Grund verlegt. Stattdessen gibt es aber Stelen an Häuserwänden als Gedenken im öffentlichen Raum. Auch der Künstler Gunter Demnig hat mit deutlicher Kritik auf die Entscheidung reagiert. Er habe mit einem solchen Schritt gerechnet, sagte der Initiator des Stolperstein-Projekts. „Nach den Wahlerfolgen der AfD war es ja durchaus zu erwarten, dass so etwas passieren wird“, erklärte der 78-Jährige aus dem mittelhessischen Alsfeld. Der CDU warf er vor, sich von christlichen Werten entfernt zu haben. Die Partei „sollte ihr C vielleicht streichen. Denn das Christliche haben sie ja wohl hinter sich gelassen.“ Demnig betonte, die Erinnerung müsse dort sichtbar bleiben, wo die Menschen gelebt hätten, sagte er. Stolpersteine brächten die Namen der Opfer und die Vergangenheit in die Gegenwart zurück und machten Geschichte gerade für junge Menschen vor Ort greifbar. Ein Mensch sei erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Besonders Angehörige wünschten sich die Steine. Er hoffe, das Verbot in Heidenau bleibe eine Ausnahme, sagte der Künstler. Er werde „jetzt erst recht weitermachen.“ Sein Verlegeplan für weitere Stolpersteine sei bereits bis Ende 2027 fertig: „Wir sind ausgebucht und das Interesse ist ungebrochen.“ Er kritisierte: „Das Gedenken auf den Friedhof verbannen ist natürlich sehr praktisch – möglichst weit weg. Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Auch kann er das Argument, dass man gedankenlos über die Steine laufe, nicht nachvollziehen: „Diese Damen und Herren, die den Beschluss gefasst haben, dürften den Petersdom nie wieder betreten. Man muss ja über die Gräber laufen.“ Demnig hatte die erste Gedenktafel aus Messing 1992 vor dem Kölner Rathaus verlegt. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt. Inzwischen verlegte Demnig über 100.000 Stolpersteine. Sie erinnern in über 1200 deutschen Kommunen und weiteren 30 Ländern an NS-Opfer vor deren früherem Wohn- oder Wirkungsort: Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle, an Menschen mit Behinderung und politisch oder religiös Verfolgte. Aus der Politik meldete sich etwa Grünen-Chef Felix Banaszak zu Wort. „Dass sich CDU und AfD in Heidenau die Hand reichen, um Stolpersteine im öffentlichen Raum zu verhindern, ist ein Skandal“, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. Gerade angesichts der aktuellen Debatten über den Umgang mit Rechtsextremismus und dem Vormarsch der AfD müsse man alles dafür tun, „um das Gedenken an diejenigen, die verfolgt und ermordet wurden, lebendig zu halten“. Banaszak sagte: „Die Begründung, man könne auf den Stolpersteinen herumtreten, ist absurd.“ Der eigentliche Skandal sei, dass hier die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus mit Füßen getreten werde. Vielmehr liege genau im Betreten der Steine ihre Stärke, so der Grünen-Politiker. „Sie holen die Namen und Schicksale der Opfer in unseren Alltag und fordern uns auf, kurz innezuhalten.“ Wer dieses Gedenken aus dem Straßenbild verbannen wolle, müsse sich fragen lassen, warum die sichtbare Erinnerung an die Opfer störe. Bereits im Vorfeld hatte das Internationale Auschwitz Komitee vor dem Beschluss gewarnt: Exekutiv-Vizepräsident Christoph Heubner sprach von einem durchsichtigen und schäbigen Versuch, Opfer der Nazis „erneut aus der Stadt hinauszuwerfen und sie dahin zu entsorgen, wohin das Gedenken nach Meinung der AfD schon längst gehört: auf den Friedhof“. Dass CDU-Abgeordnete der AfD zu solchen Schäbigkeiten die Hand reichten, bezeichnete Heubner als Skandal. „Für Überlebende der Konzentrations- und Vernichtungslager ist dies ein weiterer Versuch, die Erinnerungskultur in Deutschland zu bedrängen“, erklärte er.