Welt 25.05.2026
07:18 Uhr

„Nach einem seltsamen Gebet begannen sie, ihre ganze Beute zu zerstören“


Wenn Germanen in den Krieg zogen, weihten sie ihre Beute den Göttern. Das belegen die Schätze, die man in vielen Mooren gefunden hat. Aber offenbar verfolgten die Sieger weitere Ziele, wie eine Ausstellung im Varusschlacht-Museum zeigt.

„Nach einem seltsamen Gebet begannen sie, ihre ganze Beute zu zerstören“

Wenn nicht hin und wieder römische Legionen durch Germanien zogen, vertrieben sich seine Bewohner die Zeit damit, sich gegenseitig die Schädel einzuschlagen. Das wurde von erstaunlichen Ritualen begleitet. Als die Hermunduren im Jahr 58 durch den Streit um einen salzhaltigen Fluss in einen Krieg mit den Chatten gerieten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article160204489/Germanen-Schon-in-Rom-waren-Hessen-als-Soeldner-gefuerchtet.html) , „hatten sie im Falle des Sieges die feindliche Schlachtreihe dem Mars und Merkur geweiht: ein Gelübde, nach welchem man Rosse, Männer, alles, was sich bei den Besiegten findet, der Vernichtung überlässt“, schreibt der römische Historiker Tacitus in seinen „Annalen“. Dass es sich dabei nicht um falsch verstandene Nachrichten gehandelt hat, belegen zahlreiche Funde, die moderne Ausgräber in Mooren und zugewachsenen Seen zwischen Norddeutschland und Polen gemacht haben. Daraus kamen Massen von Waffen, Schmuck, Repräsentations- und Alltagsgegenständen sowie Überreste von Menschen und Pferden ans Licht, die vor ihrer Versenkung zudem systematisch zerteilt worden waren und allesamt in die Antike datieren. Mehr als 1200 dieser Objekte sind derzeit im Varusschlacht-Museum in Kalkriese zu sehen. Unter dem Titel „ Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht & Mythos (verlinkt auf https://www.kalkriese-varusschlacht.de/index.html) “ präsentiert die Sonderausstellung auf dem antiken Schlachtfeld nördlich von Osnabrück spektakuläre Funde, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts im Thorsberger und Nydamer Moor, die heute im Grenzgebiet von Deutschland und Dänemark liegen, gemacht wurden. Mehr von WELT in der Google-Suche: WELT als Medium bevorzugen (verlinkt auf https://eur01.safelinks.protection.outlook.com/?url=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2Fpreferences%2Fsource%3Fq%3Dwelt.de&data=05%7C02%7Cmartin.klemrath%40welt.de%7Ceddc4e23038a41bcc77008deb702b786%7Ca1e7a36c6a4847689d653f679c0f3b12%7C0%7C0%7C639149419721017734%7CUnknown%7CTWFpbGZsb3d8eyJFbXB0eU1hcGkiOnRydWUsIlYiOiIwLjAuMDAwMCIsIlAiOiJXaW4zMiIsIkFOIjoiTWFpbCIsIldUIjoyfQ%3D%3D%7C0%7C%7C%7C&sdata=U%2FP6GJ%2BDkT7ogD9ZkhhtNrJ2B501jJGioxt5GcjrDqo%3D&reserved=0) Wie sehr derartige Stücke menschliche Emotionen befördern, zeigt schon die Karriere nach ihrer Entdeckung durch den dänischen Altertumsforscher Conrad Engelhardt. Als Lehrer in Flensburg trug er eine Sammlung zusammen, die i m Krieg Preußens und Österreichs gegen Dänemark 1864 (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article238192825/Deutsch-Daenischer-Krieg-Wohin-das-Auge-schaute-Leichen-wohin-der-Fuss-trat-Blut.html) vor den feindlichen Truppen versteckt wurde. In den Friedensverhandlungen drängten die Sieger nicht nur auf die Abtretung der Herzogtümer Schleswig und Holstein, sondern forderten auch die Moorfunde. Aber erst ein „Finderlohn“ von 20.000 Talern beförderte den Verrat, der die Schätze nach Deutschland brachte. Heute gehören sie zum Bestand der Landesmuseen Schleswig-Holstein in Schloss Gottorf (verlinkt auf https://schloss-gottorf.de/) . Wegen der umfangreichen Sanierungsarbeiten dort werden die Materialfunde bis 2027 in Kalkriese präsentiert, die Moorleichen gelangten ins dänische Silkeborg (verlinkt auf https://www.visitaarhus.de/region-aarhus/reiseplanung/museum-silkeborg-eine-reise-durch-die-zeit-gdk604548) . Das berühmte Nydam-Boot, das von 30 Mann gerudert wurde, blieb vor Ort; in der Ausstellung ist ein verkleinertes Modell zu sehen. Schon Engelhardt erkannte, dass die zahlreichen Fragmente aus Thorsberg und Nydam nicht zufällig in die Gewässer gelangten, sondern bewusst dort deponiert worden waren. So konnten mehrere Dutzend Pferdegeschirre geborgen werden, die in viele kleine Teile zerhackt wurden. „Das ist nicht in blinder Wut geschehen, sondern gezielt und nach festen Mustern“, sagt Stefan Burmeister, Geschäftsführer von Museum und Park Varusschlacht (verlinkt auf https://www.dguf.de/fachgesellschaft/wahl-dfg-fachkollegium/dr-stefan-burmeister) . Wahrscheinlich habe es sich um Rituale gehandelt. In der Ausstellung sind die Versuche von Forschern zu sehen, die einzelnen Teile zu einem funktionierenden Zaumzeug zusammenzufügen. Allerdings ging das Ergebnis an der historischen Realität vorbei. Die siegreichen Germanen haben sich sogar die Mühe gemacht, die Buckel von Schilden durch Schläge zu zerstören. Kleidungsstücke wurden auseinandergeschnitten. Die Metallspitzen von Lanzen und Speeren wurden verbogen und damit unbrauchbar gemacht. Das erfuhren auch Schwerter, indem ihre Griffe abgeschlagen wurden. Erstaunlich ist die große Anzahl an Objekten, die sich an römischen Vorbildern orientierten oder gar aus imperialen Werkstätten stammen. Obwohl der Export von Langschwertern verboten war, gelangten Exemplare ins freie Germanien. In Kalkriese sind mehrere dieser spathae zu sehen, die seit dem 3. Jahrhundert in Gebrauch kamen, als die Römer es zunehmend mit berittenen Gegnern zu tun bekamen, gegen die die traditionellen Kurzschwerter ( gladii ) wenig ausrichteten. Die etwa 80 Zentimeter langen Klingen könnten über Soldaten der römischen Hilfstruppen in den Norden gelangt sein. Reich verzierte Stücke wie an römische Militärorden erinnernde Schmuckscheiben oder die berühmte „Thorsberger (Reiter-)Maske“ wurden dagegen von einheimischen Künstlern hergestellt, wie Themen und Technik belegen. Bis zu zwei Meter lange Bögen belegen, dass germanische Kämpfer über anspruchsvolle Fernwaffen verfügten. Weiblicher Schmuck wirft ein Licht auf die schockierende Darstellung antiker Autoren, nach denen sich auch Frauen an den Kämpfen beteiligten. So sollen die Frauen der Teutonen, die 101 v. Chr. bei Vercellae von den Römern geschlagen wurden, „ihre Ehemänner oder Brüder“ getötet haben, als diese sich zur Flucht wandten. Frauen kam offenbar die Verteidigung des Lagers zu, folgert Burmeister. Aber warum wurden derartige Schätze nicht verteilt, sondern in einem aufwendigen Akt den Lebenden entzogen? Zumal hochwertige Objekte aus Metall zu den bevorzugten Beutegütern gehörten, für die germanische Scharen ab dem 3. Jahrhundert Raubzüge in das Imperium unternahmen. Mit Hinweis auf den eingangs zitierten Bericht des Tacitus gehen viele Forscher davon aus, dass mit derartigen Gaben den Kriegsgöttern gedankt werden sollte. Warum aber fand offensichtlich eine Selektion statt? Man schätzt, dass die germanischen „Heere“ – anders als die viele Tausend Mann starken Koalitionen, die sich kurzfristig gegen die Römer formierten – bis zu 1000 Krieger stark waren. Diese waren in drei Gruppen etwa im Verhältnis 1:6:30 in Anführer, Unterführer und einfache Kämpfer gegliedert, die sich durch Waffen und Ausrüstung deutlich unterschieden. Da in den Moorfunden die Prestigeobjekte der Häuptlinge wie Schwerter oder Pferdezubehör überproportional Zerstörungen aufweisen, ging es ihren Überwindern offenbar auch darum, die Identität dieser Elite auszulöschen, die ihre Anhängerschaft durch Geschenke an sich zu binden suchte. Diesen Dingen wurde eine Seele unterstellt, die erst durch ihre vollständige Zerstörung „getötet“ werden konnte, erklärt Burmeister. Das machte den Sieg erst vollständig. Die Rituale, in denen das geschah, wurden offenbar bewusst als identitätsstiftende Zeremonien vollzogen. Der römische Historiker Orosius berichtet im frühen 5. Jahrhundert von einem Festakt, den er den Kimbern und Teutonen zuschreibt: „Nach einem langen und seltsamen Gebet begannen sie, ihre ganze Beute zu zerstören. Kleidung wurde in Stücke geschnitten und weggeworfen. Gold und Silber wurden in den Fluss geworfen, die Brustplatten der Männer wurden in Stücke geschnitten, Pferdegeschirr wurde zerschlagen und die Tiere in Strudeln ertränkt. Die Männer wurden mit Schlingen um den Hals an Bäumen erhängt.“ Oder man versenkte sie in den Seen, die zu Mooren wurden. Forscher gehen davon aus, dass die Sieger unweit dieser Gewässer ihre Siedlungen hatten, die Zeremonien also in Sichtweite ihrer Bewohner vollzogen wurden. Wie unterschiedliche Datierungen der Funde zeigen, wurden diese brutalen Feste über Generationen hinweg gepflegt und stärkten damit das Gemeinschaftsgefühl, indem den Göttern geopfert und der Feind stets aufs Neue gänzlich vernichtet wurde. „ Verlorene Krieger – Germanen zwischen Macht und Mythos (verlinkt auf https://www.kalkriese-varusschlacht.de/index.html) “, Varusschlacht im Osnabrücker Land. Museum und Park Kalkriese, bis 7. November 2027 Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.