Soll man das glauben können – dass diese beiden Science-Fiction-Kultserien aus ein und derselben Sternzeit kommen? Nur neun Tage liegen zwischen dem TV-Start des Raumschiffs Enterprise (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article251407628/Raumschiff-Enterprise-In-der-deutschen-Version-von-Star-Trek-wurde-viel-gebloedelt.html) („Star Trek“) in den USA und dem Auftauchen der Raumpatrouille Orion aus dem Strudel im Meer – und aus den Münchner Bavaria-Studios, an jenem 17. September 1966 um 20.15 Uhr. Wie grundverschieden und doch auch ähnlich konnte man dies- und jenseits des Atlantiks in fremde Welten aufbrechen? Die frühen Science-Fiction-Serien waren auf fortschrittliche Internationalität beziehungsweise Pan-Nationalität angelegt. So standen auf der Brücke der Enterprise der Japaner Sulu, der Russe Chekov oder die Afrikanerin Uhura. Im deutschen Pendant „Raumpatrouille Orion“ waren es etwa Bordingenieur Hasso Sigbjörnsson, Astrogator Atan Shubashi und Armierungsoffizier Mario de Monti (Wolfgang Völz). Commander ist der verwegene, aber für Alleingänge und Insubordination berüchtigte Cliff Allister McLane (Dietmar Schönherr). Als er mit dem Raumkreuzer Orion mal wieder gegen ausdrückliche Befehle handelt, wird er für drei Jahre von den Schnellen Kampfverbänden zum Patrouillendienst im Weltall strafversetzt, mit seiner kompletten Besatzung. Zudem wird ihm eine Aufpasserin zugeteilt, Leutnant Tamara Jagellovsk (Eva Pflug), die ihm disziplinarisch auf die Finger klopfen soll. Dass hinter den Kulissen tatsächlich der WDR Auftraggeber der Orion-Mission war, offenbart sich an einem charmanten Detail: Fallen doch die Countdowns der verzerrten Computerstimme stets ziemlich rheinisch, ja fast adenauerartig aus: „... sieben - sechs - fünnef ...“. Der Aufwand für die sieben Episoden à 60 Minuten war für eine TV-Produktion des Jahres 1966 riesig, gedreht in Schwarz-Weiß und mit einer Tricktechnik, die heute allenfalls noch kultig wirkt, aber damals schwer begeistern konnte. An nichts wurde gespart: Designermöbel von Mies van der Rohe, Bertoia, Eames und Saarinen kamen zum Zug. Das Set des Kommandostandes hatte 28 Meter Durchmesser, 3200 Glühlampen und zehn Kilometer verlegter Kabel. Zugleich changiert die Ausstattung, wie so vieles in der Serie, zwischen Selbstironie und der Spießigkeit ihrer Zeit. Ein Rowenta-Bügeleisen dient ebenso als Bedienelement wie Wasserhähne, Thermostate und zwei Dutzend Bleistiftspitzer. Die schönste Demonstration, dass das Leben auf der Erde in der Zukunft unter Wasser stattfindet, ist das legendäre „Starlight Casino“, wo die Orion-Crew stets ihre Erfolge feiert, mit Fischen und Schildkröten hinter den Fenstern. Hier findet auch der aberwitzige futuristische Rücken-an-Rücken-Tanz statt, der Fans bis heute in den Bann schlägt. Für die Darstellung des Unterwasserstarts des Raumschiffs wurde ein Foto der Orion auf eine Glasplatte geklebt; darunter sorgten drei Alka-Seltzer-Tabletten für einen Sprudeleffekt. Trotz – oder wohl auch wegen solcher Effekte – wurde die Serie rasch zum Straßenfeger, mit Einschaltquoten von teils jenseits der 50 Prozent. In der ersten Folge „Angriff aus dem All“ meldet sich die Außenstation MZ-4 nicht mehr. Die Raumpatrouille sieht nach, und Hasso und Atan, die mit einem Lancet dort landen, stellen fest, dass alle dort erstickt sind. Als dann auch die Orion von außerirdischen „Frogs“ angegriffen wird, bekommt McLane die Order, die Außenstation sofort zu vernichten, allerdings mit seinen beiden Offizieren an Bord. Natürlich widersetzt er sich, und das Blatt wendet sich: Da die „Frogs“ keinen Sauerstoff vertragen, beschießen sie Hasso und Atan mit einer Sauerstoffpatrone ihres Raumanzugs. Alle „Frogs“ tot, Klappe zu ... Und so geht es weiter. In der Folge „Deserteure“, in der die „Frogs“ die Orion-Besatzung durch „Telenose-Strahlen“ vorübergehend fernsteuern, setzt die Crew am Ende den „Overkill“-Modus ein, um den Planeten einer „Frog“-Basis zu vernichten. Tricktechnisch ging das so: Eine Gipskugel wurde an einer Stelle ausgehöhlt und mit Reis, Rosinen, gemahlenem Kaffee und Mehl gefüllt. Diese Füllung wurde dann beim Dreh mit Pressluft weggeblasen. Gesellschaftspolitisch kam die Orion Mitte der 1960er Jahre noch wenig zeitgeistig daher. Es ist eine militaristische Männerwelt. Da gibt es noch keine Spur von Willy Brandts (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/80-jahre-welt/article69cce94727bf87e811dd86c8/1971-difrueh-tower-oh-der-gute-wille-ist-bei-brandt-zweifellos-vorhanden.html) „Mehr Demokratie wagen“. Hier regieren noch Konrad Adenauers (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article6aa2577b181cb962d488a360/adenauer-mit-einer-doppelstrategie-hatte-der-erste-bundeskanzler-erfolg-gegen-rechtsaussen.html) „Keine Experimente“. Wo die „Frogs“ auftauchen, da wird nicht verhandelt, sondern tatkräftig vernichtet. Die Befehle erteilt die Generalität. À propos Männerwelt: Ein paar interessante Frauen kommen natürlich auch drin vor. Leutnant Helga Legrelle (Ursula Lillig), Verantwortliche für Raumüberwachung, darf vor allem dauerverliebt sein in den Chauvi-Commander McLane. Allerdings zieht sie am Ende den Kürzeren gegen die herb-selbstbewusste Aufpasserin Jagellovsk, die, ebenfalls am Ende, dem Charme des unbeugsamen Siegers erliegt. Schauspielerin Eva Pflug (1929-2008) ist die Rolle als noch unzeitgemäße „Emanze“ Tamara Jagellovsk im Nachhinein schlecht bekommen. Sie bekam keine lukrativen Rollen mehr und musste sich zeitweise arbeitslos melden. Den Gipfel beim Frauenbild bildet allerdings die Folge „Kampf um die Sonne“, gedreht zum Teil in einem Golf-Club in Feldafing am Starnberger See. Der Plot ist durchaus zeitgemäß, denn die Menschen auf der Erde müssen arg schwitzen. Der Grund: Der von Frauen regierte Planet Chroma führt Experimente mit der Sonne durch. Männer sind hier ausschließlich mit Hilfsarbeiten befasst. McLane versucht es zunächst mit Charme, doch das zieht hier nicht. Klar, dass ihm da der Kragen platzt und er sich doch mal ziemlich im Ton vergreift. Dessen kann sich die Ober-Amazone zwar noch locker erwehren, nicht aber der massiven Drohungen der terrestrischen Generalität, die folgen. Geheilt von allzu viel Weiblichkeit, gehen McLane und die Frauen von Chroma am Ende ihrer Wege. Nach nur sieben Folgen kommt die unsanfte Landung der Raumpatrouille: zu teuer, zu aufwendig, zu stark unter Feuer für ihr Gesellschaftsbild. Die Strafversetzung wird aufgehoben, die Besatzung befördert, nach einer letzten Rettung der Welt vor den „Frogs“ geht alles ganz schnell. Von den Darstellern starb als letzter Anfang Februar 2026 der Berliner Friedrich Georg Beckhaus (1927-2026) alias Atan Shubashi. Die Orion aber fliegt weiter, als TV-Legende von gestern und als „Märchen von übermorgen“.