Welt 02.09.2026
07:36 Uhr

So gefährlich war die Straße von Hormus schon in der Antike


Wo heute Iran und USA um ein Nadelöhr der Weltwirtschaft ringen, kämpften schon vor zwei Jahrtausenden die Großmächte um die Kontrolle der Fernhandelsrouten. Die Aussicht auf enorme Gewinne wog die Risiken auf, die den Seefahrern drohten.

So gefährlich war die Straße von Hormus schon in der Antike

Als Alexander der Große 326 v. Chr. durch (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article116789477/Zehn-Gruende-warum-Alexander-die-Welt-eroberte.html) die Meuterei seiner Truppen zum Rückmarsch aus Indien gezwungen wurde, ließ er eine Flotte bauen. Mit ihr sollte der Admiral Nearchos den Indus hinabfahren und sich an der Küste des Iran entlang bis an die Mündung des Euphrat durchschlagen. Der König selbst wollte mit 60.000 Mann durch die Gedrosische Wüste ziehen, ein Unternehmen, an dem der persische Großkönig Kyros und die babylonische Königin Semiramis einst gescheitert sein sollen. Etwa 75 Prozent des makedonischen Heeres überlebten die Strapazen – womöglich ein Racheakt Alexanders für die Meuterei – nicht. Nearchos und seine Schiffe dagegen erlebten zwar viele Abenteuer mit entsetzlichen Seeungeheuern und „Menschen, die wie Tiere waren“, erreichten aber wohlbehalten die Küste von Karmanien, wo Ende 325 das Wiedersehen mit dem Hauptheer gefeiert wurde. Über seine Reise hat Nearchos einen Bericht verfasst, den der römische Historiker Arrian in seiner „Indiké“ (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article245994492/Alexander-der-Grosse-Ermordet-mit-dem-Gift-von-Aristoteles.html) verarbeitet hat. Darin wird als Ort des Zusammentreffens Harmozeia bezeichnet, in einer Landschaft, „die fruchtbar war und Gewächse aller Art trug“. Heute liegt dort mit Hormus einer der ökonomischen und militärischen Brennpunkte des Planeten. Dass die Einfahrt in den Persischen Golf schon im Altertum zu den global bedeutendsten Seewegen gehörte, belegt nicht nur die Episode aus dem Feldzug Alexanders des Großen. Bereits die frühen Hochkulturen Mesopotamiens knüpften mit Schiffen Kontakte nach Indien. Griechen und Römer etablierten einen regelmäßigen Seehandel, in dem das Nadelöhr bei Hormus „der schwierigste und sicherheitskritischste Abschnitt des Seewegs in den Persischen Golf und zurück darstellte“, sagt der Trierer Historiker Alexander Strauß (verlinkt auf https://transmare.uni-trier.de/staff/alexander-strauss/) . Seine Dissertation über die Rolle dieser Passage in der Antike wird von der Gerda-Henkel-Stiftung gefördert, auf deren Wissenschaftsportal L.I.S.A. Strauß (verlinkt auf https://lisa.gerda-henkel-stiftung.de/interview_alexander_strauss_seehandel_persischer_golf_strasse_von_hormus) einen Abriss seiner Forschungen gibt. Von der an der schmalsten Stelle etwa 33 Kilometer breiten Straße von Hormus hatte man in der Antike ziemlich genaue Vorstellungen. So zitiert der griechische Geograf Strabon den Gelehrten Eratosthenes, laut dem die Meerenge so schmal sei, „dass man vom Harmozon aus, dem Vorgebirge Karmaniens, jenes bei Makai (Kap Musandam) in Arabien erblickt“. Nach Strauß hatten antike Seefahrer zwei Möglichkeiten, die Meerenge zu durchfahren. Entweder hielten sie sich nah unter Land und versuchten, lokale Winde für sich zu nutzen. Das aber bedeutete wegen der zahlreichen Inseln und Untiefen, dass sie die Nächte am Ufer verbringen mussten. Oder sie wählten einen Kurs in der Mitte der schmalen Wasserstraße, was die Möglichkeit bot, auch bei Dunkelheit zu fahren und so lauernden Piraten zu entgehen. In beiden Fällen verlangten die schwierigen Wind- und Strömungsverhältnisse von den Seeleuten jedoch Umsicht und nautische Erfahrung. Obwohl Schiffbrüche und Piratenüberfälle an der Tagesordnung waren, „scheint dieses Risiko in der Gesamtheit einkalkuliert gewesen zu sein“, sagt Strauß im Gespräch mit L.I.S.A. Denn zum einen ließ sich auf einem Schiff ein Vielfaches jener Fracht transportieren, die mit Karawanen an Land möglich gewesen wäre, weil sie in den wüstenähnlichen Regionen zudem ihre geringeren Kapazitäten durch das Mitführen von Nahrungsmitteln und Futter weiter einschränken mussten. Zum anderen fielen Zölle nur am Zielhafen an, während an Land schon auf kleineren Etappen Gebühren bzw. Schutzgelder fällig werden konnten. Massengüter wie Baumwolle, Hölzer, Wein, Öl oder Metalle ließen sich wirtschaftlich sinnvoll ohnehin nur mit dem Schiff transportieren. Wie in der Gegenwart war der Persische Golf daher „ein integraler Bestandteil eines weitreichenden Handelsnetzwerks, das sich vom Mittelmeerraum über Mesopotamien bis nach Indien und über den Indischen Ozean, die Arabische Halbinsel und das Rote Meer nach Afrika und Ägypten erstreckte“, beschreibt Strauß die Geografie seines Themas. Mächtige Anrainer wie das Seleukidenreich (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article182384202/Apameia-in-Syrien-Die-Riesenfestung-der-koeniglichen-Kriegselefanten.html) , das Reich der Parther, das Römische Imperium oder das Großreich der persischen Sasaniden (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article207662917/Perserkriege-Pfeilschuss-bahnte-Roms-gefaehrlichstem-Feind-den-Weg.html) waren bestrebt, durch die Anlage von Stützpunkten und Garnisonen die Handelswege zu kontrollieren, um sie fiskalisch abschöpfen zu können. Der Handel an sich blieb privaten Akteuren überlassen, die sich oft über ethnische und familiäre Bande definierten. Die Risiken waren groß, und leistungsfähige Schiffe erforderten hohe Investitionen. Mithilfe von Computerprogrammen will Strauß die Routen und Reisedauern in der Antike rekonstruieren. Das wirft vor allem am Nordwestufer des Persischen Golfs Probleme auf. Denn dort haben die Massen an Sedimenten, die Euphrat und Tigris ins Meer transportiert haben, die Küstenlinie seit der Antike um etwa 200 Kilometer nach Süden verschoben. „Hier helfen moderne Seekarten nicht mehr weiter“, sagt Strauß, „das muss bei den Routenberechnungen natürlich auch berücksichtigt werden.“ Alexanders Admiral Nearchos beschrieb die Strapazen seiner Fahrt: „Sie dachten daran, welch schwere Nöte sie auf dem Meere und an der Küste der Ichthyophagen (Fischesser) erlitten hätten, an die trostlose Öde im Lande und die Menschen dort, wie tierisch diese waren.“ Aber der Handel mit Luxusgütern wie Edelsteinen, Seide, Elfenbein oder Gewürzen warf enorme Gewinne ab, die solche Anstrengungen offenbar lohnten. Daran hat sich wenig geändert, wie die rund 400 Schiffe zeigen (verlinkt auf https://www.welt.de/politik/article6a94722ed88567044d84a7c3/iran-krieg-400-schiffe-stecken-noch-im-persischen-golf-fest-erneut-tanker-in-strasse-von-hormus-angegriffen.html) , die derzeit im Golf feststecken und auf ein Ende der Blockade hoffen. Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/berthold-seewald/) mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.