Welt 23.05.2026
11:28 Uhr

„Sport – eine wunderbare Gabe Gottes!“


DFB-Pokal-Finale, Endspiel der Champions League und dann die WM: Ab sofort zeigt die Fußballelite, was sie kann. Von deren Höchstleistungen sollte man fürs eigene Leben lernen. Das meint Thorsten Latzel, Sportbeauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland.

„Sport – eine wunderbare Gabe Gottes!“

In einer Dönerbude sitzt Thorsten Latzel. Im Hintergrund hört man Teller klirren und Kunden nach ihrem Falafel rufen. Seinen eigenen Döner hat Latzel bereits verspeist. Der Sportbeauftragte der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Präses der rheinischen Protestanten ist gerade zu Gast auf dem deutschen Katholikentag in Würzburg, als wir ihn am Telefon erreichen. An diesem Wochenende reist er dann zum DFB-Pokalfinale der Herren (Samstag, 20 Uhr) in Berlin. Dort feiert er vor dem Spiel mit der DFB-Spitze einen Festgottesdienst und reflektiert über die fruchtbare Beziehung zwischen Glaube und Sport. Nur: Für wen ist die fruchtbar? WELT: Präses Latzel, all der Spitzenfußball, der uns ab sofort und in den nächsten Wochen geboten wird, ist für Sie eine große Lehrstunde, oder? Thorsten Latzel: Es macht Freude, ich mag Fußball. Aber was meinen Sie mit Lehrstunde? WELT: Sie sprachen jüngst davon, Christen könnten für ihren Glauben vom Trainingseifer der Spitzensportler viel lernen. Latzel: Ja, hier gibt es Parallelen. Sportler sein kann man nicht ohne Training – so ähnlich ist das auch beim Glauben. Glaube lebt davon, dass man sich darin übt und ihn mit anderen teilt.  WELT: Ist eine Gottesbeziehung für Protestanten nicht reine Gnade? Wozu überhaupt Training? Latzel: Dafür, dass Gott mich liebt, kann ich nichts tun. Das kann ich mir durch kein Training der Welt erarbeiten. Das bleibt Geschenk. Aber ob ich aus dieser Liebe lebe, auf Gottes Wort höre, mein Leben danach ausrichte – das ist auch eine Trainingsfrage. WELT: Wo zeigt sich das? Latzel: Dafür reicht schon der Breitensport und jede kleine sportliche Aktivität. Wenn man bei Regenwetter die Turnschuhe anzieht und losjoggt, spürt man zuerst oft wenig Lust. Ich muss meinen inneren Schweinehund besiegen. So ist das manchmal auch mit dem Beten. Ich muss meinen Alltag unterbrechen und freimachen von all den Dingen, die mich von außen ablenken und beherrschen. Das verlangt auch Selbstüberwindung. WELT: Was imponiert Ihnen am Trainingseifer der Profifußballer? Latzel: Mich beeindruckt bei Sportlern die Ausdauer, mit der sie ihr Training im Alltag durchhalten und auf ihr Ziel fokussiert sind, aber auch der Teamgeist in einer Mannschaft. WELT: Die einen trimmen täglich Fitness und Taktik – Sie dagegen Gebet und Gottesgedenken? Latzel: Martin Luther hat mal von der „in sich selbst verkrümmten Seele“ gesprochen. Sie braucht Dehnübungen, genau wie mein Rücken, etwa durch stille Zeiten. In ihnen übe ich eine andere innere Haltung: Ich lasse mich nicht von außen bestimmen, sondern von Gott, und richte mich auf ihn aus (im Hintergrund klirrt Geschirr, man hört Männerstimmen, während der Präses seelenruhig weiterspricht) . Diese Auszeiten brauche ich täglich. Das verlangt nach geistlicher Kondition. WELT: Und die tut der Seele gut?  Latzel: Genauso wie es meinem Körper gut tut, wenn ich Fahrrad fahre oder laufen gehe. WELT: Kann man Sie als spirituellen Spitzensportler bezeichnen?  Latzel: Nein, im Glauben gibt es keine Spitzensportler. Das Training im Glauben zielt darauf, genau diese Einsicht anzunehmen. Ich bin nie besser als andere, bin nie in mir selbst stabil, sondern bleibe immer neu angewiesen auf die Liebe Gottes. Frei nach Luther: Wir sind und bleiben Amateure, das ist wahr. WELT: Und wo lässt sich der Amateur im Glauben von den Profis im Sport noch inspirieren?  Latzel: Beeindruckend finde ich neben ihrem Teamgeist ihre Fähigkeit zur Askese. Wenn unser deutscher WM-Kader... WELT: … den der Nationaltrainer nun vorgestellt hat... Latzel: … das beides nicht besäße, hätte sich das Team nie für die WM qualifiziert. WELT: An Askese und Fasten klebt ja ein eher ungünstiges Image. Latzel: Fasten ist kein Selbstzweck, sondern dient dazu, innerlich frei zu werden und sich von Gott neu ausrichten zu lassen. Ohne innere Freiheit gelingt auch Christen nicht viel. WELT: Was zum Beispiel? Latzel: Zu teilen, zu vergeben, Frieden zu stiften oder trotzig Hoffnung zu wagen gegen die oft deprimierenden Nachrichten – all das verlangt Übung, um mich von Gott und nicht von meinen Sorgen bestimmen zu lassen. Und es zahlt sich später aus. WELT: Wo bieten Kirchen noch Gelegenheit zu solchem Training? Latzel: Jeden Sonntag im Gottesdienst. Der hat eine eigene Choreografie wie im Stadion. Wir teilen gemeinsam Freude und Leid, sind Teil einer großen Hoffnungsgemeinschaft. Dazu kommen besonders konzentrierte Zeiten wie Advent, Passionszeit oder jetzt Pfingsten. WELT: Diese Gelegenheiten werden nicht mehr sonderlich nachgefragt. Nur 13 Prozent aller Deutschen fasten vor Ostern. Zum Vergleich: Während des Ramadans fasten 75 Prozent aller deutschen Muslime. Latzel: Fasten ist nur eine Form. Es gibt viele Formen, in denen Menschen ihren Glauben leben: Jugendfreizeiten, Chöre, Kloster auf Zeit, auch Kirchentage sind geistliche Übungszeiten. WELT: Wobei die Kirchentage schrumpfen. Latzel: Wir erwarten beim evangelischen Kirchentag 2027 in Düsseldorf wie zuletzt in Hannover über 80.000 Dauerbesucher und zusätzlich 150.000 Tagesgäste. Aktuell bin ich beim Katholikentag in Würzburg zu Gast… WELT: … mit fast 75.000 Besuchern. Latzel: Und eben habe ich dort mit vielen Menschen eine Bibelarbeit gehalten – ein wunderbares Gemeinschaftserlebnis! WELT: Dennoch beobachten Experten einen Trend fort vom religiösen Mannschaftssport und hin zum spirituellen Individualsport. Keine drei Prozent der Protestanten besuchen regelmäßig Gottesdienste, aber Millionen Mitbürger meditieren zu Hause. Latzel: Es gibt vieles gleichzeitig. Einerseits schrumpfen Gottesdienste, andererseits kommen 100.000 zum Kirchentag. Ständig gibt es Treffen, bei denen mal 50, mal 500, mal 1000 Christen zusammenkommen. Glauben als Mannschaftssport kann man an vielen Orten erleben. WELT: Nebenbei: Sie selbst treiben aber nicht nur geistlichen Sport? Latzel: Früher habe ich Leichtathletik getrieben, heute fahre ich Fahrrad, wandere leidenschaftlich gerne und mache mein Fitness-Programm. WELT: Sie üben auch im Bodybuilding-Center, oder? Latzel: Ja, wir haben bei uns im Landeskirchenamt einen Fitnessraum. Und zu Hause nutze ich meine Klimmzugstange, meinen Hometrainer und eine Flachbank mit Gewichten. WELT: Beten und Bizeps! Latzel: (lacht) Sport ist eine wunderschöne Gabe Gottes.  WELT: Können Sportler auch vom Glauben lernen? Latzel: Unbedingt. Im Glauben geht es um die ersten und letzten Fragen, darum, was mich trotzig leben und getrost sterben lässt. Das vermittelt Orientierung fürs ganze Leben, auch im Sport. WELT: Das bestätigen Fußballgrößen wie der Christ Jürgen Klopp. Er mahnt, der Fußball solle sich nicht zu wichtig nehmen. Latzel: Das bestätigen aber auch viele Athleten, nachdem sie große Triumphe errungen haben. Dann fallen sie nicht selten in ein schwarzes Loch, in eine Sinnkrise. WELT: Zum Beispiel nach dem WM-Sieg der deutschen Elf 2014? Latzel: Ja, da fragten sich einige Stars: Was kann nach dem unglaublichen Kick noch kommen? Wofür lohnt es sich noch zu kämpfen? Dazu kommt, dass auch Sportlegenden altern und irgendwann nicht mehr die Leistung erbringen, für die sie gefeiert wurden. Auch sie erleben, dass wir alle endlich sind. WELT: Was sagen Sie solchen gesättigten oder alternden Stars? Latzel: Du bist weit mehr als alle Siege und Niederlagen. Du bist ein geliebtes Geschöpf Gottes. Und für andere dazusein, ist eine viel größere Aufgabe – das ganze Leben lang. WELT: Apropos größere Aufgaben: Bald beginnt die WM in Mexiko, Kanada und den USA. Sind Sie vor Ort? Latzel: Nein. Ich versuche insgesamt, wenig zu fliegen. Die Einreisebedingungen in die USA empfinde ich zudem als Zumutung. Ich habe nicht vor, bei der Einreise meine gesamten sozial-medialen Profile offenzulegen. Und der Leitgedanke der WM, dass sich die Welt fair und freundschaftlich begegnet, wird in den USA fast schon karikiert. WELT: Wodurch? Latzel: Das Turnier findet in einem Land statt, dessen autoritärer Präsident Krieg führt und die Demokratie gezielt zerstört. Zugleich lässt er Minderheiten von den Sicherheitskräften der ICE, der „Immigration and Customs Enforcement“, jagen. Und die Fifa betreibt eine so exzessive Kommerzialisierung der WM, dass man es kaum ertragen kann. Die Ticketpreise sind astronomisch hoch. Man könnte glauben, die Fifa wolle normale Fans abschrecken. WELT: Raten Sie zum Boykott? Latzel: Nein. Es gibt bessere Formen, um auf die Missstände hinzuweisen. Das würde zudem die Sportler bestrafen, die sich intensiv vorbereitet haben. WELT: Und die Fans, die sich freuen. Latzel: Die USA sind ja auch mehr als Trumps Maga-Bewegung und die WM ist mehr als die Fifa. Aber wir müssen das, was der sportlichen Idee entgegensteht, schon klar und kritisch benennen. WELT: Wollen Sie die deutschen Spieler mit politischen Botschaften aufs Spielfeld schicken? Latzel: Auch das nicht! Das ist nicht ihre Aufgabe, und wir sollten uns davor hüten, Sportlerinnen und Sportler mit politischen Missionen zu überfrachten. WELT: Bei der WM 2022 in Katar löste es eine internationale Spottwelle aus, als sich die deutsche Elf mit der Queer-Bewegung solidarisieren wollte. Latzel: Natürlich müssen Athleten die Freiheit haben, sich politisch zu äußern, wenn sie das möchten. Aber erwarten darf man das nicht von ihnen. Erst recht darf man sie damit nicht beauftragen. Unsere Spieler sind ja nicht Deutschlands diplomatisches Korps. Aber zumindest unsere Öffentlichkeit sollte die Missstände nicht verschweigen. Jeder Gastgeber möchte ein gutes Bild von sich vermitteln. Dabei gibt es aber allzu oft eine unterschlagene Kehrseite.  WELT: Das hatten Sie 2024 anlässlich der Olympischen Spiele in Paris beklagt.  Latzel: Damals entdeckte man auf den Straßen von Paris keinen einzigen Obdachlosen mehr. Die hatte man kurzzeitig aus der Stadt vertrieben – anders als bei Kirchentagen, wo es ein Essenszelt für sie gibt. Solche sozialen Säuberungen mussten angesprochen werden. Und solcher Kritik müssen wir auch bei der WM – bei aller Sportbegeisterung – Gehör verschaffen.