Welt 17.10.2026
11:38 Uhr

Stirbt ein Elefant, verändert sein Kadaver die Natur auf bemerkenswerte Weise


Noch Jahre nach dem Tod eines Elefanten ist die Fläche rund um den Kadaver sichtbar verändert. Forscher haben nun erstmals die paradoxe Rolle der Elefantengräber im Ökosystem der Savanne detailliert untersucht.

Stirbt ein Elefant, verändert sein Kadaver die Natur auf bemerkenswerte Weise

Mit ihrem markanten Rüssel, den großen Ohren und einem Körpergewicht von bis zu sechs Tonnen prägen Elefanten das Bild der afrikanischen Savanne. Und das nicht nur zu Lebzeiten: Ihre Kadaver beeinflussen die Prozesse im Ökosystem noch mindestens acht Jahre nach dem Tod. Das zeigt eine Studie, die jetzt im Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (verlinkt auf https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.2605332123) erschienen ist. Das internationale Forschungsteam um Courtney Reed und Deron Burkepile von der University of California untersuchte dafür 40 Kadaver von afrikanischen Savannenelefanten ( Loxodonta africana ) im südafrikanischen Kruger-Nationalpark. Beginnend wenige Tage nach dem jeweiligen Todesfall nahmen sie an den Fundorten in unterschiedlichen Abständen vom Kadaver systematisch Boden- und Pflanzenproben: direkt am Kadaver, im nahen Umfeld und in einer Distanz von 15 Metern. Die Probenentnahme wiederholten sie in regelmäßigen Abständen über einen Zeitraum von fast acht Jahren hinweg. Die Pflanzen an der Stelle würden nach dem Tod des Elefanten im Grunde „auf Null zurückgesetzt“, erklärt Burkepile. Durch das immense Gewicht wird die Vegetation plattgedrückt und der Boden anschließend durch Scharen von Aasfressern stark bearbeitet. „Elefantenkadaver vernichten zunächst die gesamte Biomasse und hinterlassen riesige kahle Stellen“, ergänzt Courtney Reed. Sobald die Zersetzung einsetzt, werden riesige Nährstoffmengen freigesetzt, die die Bodenchemie beeinflussen: Der Ammoniumgehalt steigt um das 31-Fache, der Nitratgehalt um das Siebenfache und der Phosphorgehalt im Durchschnitt um das Dreifache. Dünger mit Nebenwirkungen Doch was wie ein Dünge-Booster klingt, hat für die Pflanzenvielfalt nachteilige Folgen: Die hohe Ammoniumkonzentration sorgt für eine Nährstofftoxizität und die Artenvielfalt von Mikroorganismen und Pflanzen nimmt ab. Diese Entwicklung sei auch bei anderen Tierkadavern zu beobachten, schreibt das Team in seiner Studie. „Kadaver anderer Säugetiere wie Elche oder Bisons können den Artenreichtum der Bodenmikroorganismen verringern“, heißt es. Aufgrund ihrer enormen Größe hätten Elefantenkadaver jedoch länger anhaltende Auswirkungen. Und auch der Wirkungsbereich eines Elefantenkadavers sei deutlich größer, nämlich rund 80 Quadratmeter. Bei Moschusochsen sind es dagegen beispielsweise nur etwa zwölf Quadratmeter, bei Bisons noch deutlich weniger. Nach einiger Zeit besiedeln schnell wachsende und ammonium-tolerante Pflanzen das Gebiet. Im Kruger-Nationalpark sind diese der Studie zufolge für Weidetiere besonders interessant, weil sie sehr nahrhaft sind. Die Beweidung der Flächen nimmt in der Folge um mehr als das Dreifache zu und viele Pflanzenfresser kehren jahrelang immer wieder zu den Kadaver-Stellen zurück. Der von ihnen ausgeschiedene Dung erhält den Nährstoffreichtum im Boden über Jahre hinweg aufrecht und verhindert eine Wiederbesiedlung durch artenreiche Pflanzengemeinschaften. Auch acht Jahre nach dem Tod eines Tieres ist die mikrobielle und pflanzliche Vielfalt noch immer nicht zurückgekehrt. „Diese Ergebnisse zeigen, dass riesige Elefantenkadaver zwar ,Coldspots’ der Artenvielfalt, aber ,Hotspots’ der Ökosystemprozesse erzeugen“, so die Forscher. „Das ist eine bisher verborgene ökologische Funktion von Megaherbivoren, also großen Pflanzenfressern, die im Vergleich zu Kadavern kleinerer Tiere sowohl hinsichtlich des Ausmaßes als auch der Dauer dieser Funktion extrem ist.“ Auch der Mensch verändert den Prozess: durch Dezimierung der Elefantengruppen. „Wenn Mega-Kadaver als Hotspots für Nährstoffeinträge in den Boden und Ökosystemaktivitäten fungieren, bedeutet ihr Verlust eine doppelte Einbuße: Wir verlieren mit den Elefanten nicht nur die lebenden ‚Ökosystem-Ingenieure‘, sondern auch die langfristigen ökologischen Auswirkungen, die durch ihre Kadaver entstehen“, erklärt das Team. So könnte das Verschwinden von Mega-Kadavern zu einem grundlegenden Wandel in der Struktur und Funktionsweise von Ökosystemen beitragen.