Welt 29.04.2026
07:16 Uhr

„Vielleicht hat Gott mitgebohrt“ – das Wunder von Lengede


Am 3. November 1963 gab es endlich ein Lebenszeichen der Verschütteten – zehn Tage nach der Katastrophe in der Grube „Mathilde“ in Niedersachsen. Eine dramatische Rettungsaktion begann. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.

„Vielleicht hat Gott mitgebohrt“ – das Wunder von Lengede

Das Wunder geschah am elften Tag. Seit dem 24. Oktober 1963 blickte ganz Deutschland (West wie Ost) gleichermaßen erschüttert wie fasziniert auf die Meldungen aus dem niedersächsischen Bergbauort Lengede. Hier war an jenem Donnerstag gegen 20 Uhr der Boden eines Klärteichs durchgebrochen und hatte die Eisenerzgrube „Mathilde“ (verlinkt auf https://www.museum.de/museen/das-wunder-von-lengede-museum) mit etwa einer halben Million Kubikmetern Schlamm geflutet. Zu dieser Zeit waren genau 129 Mann unter Tage. 79 davon konnten sich innerhalb der ersten Stunden nach dem Unglück retten, 50 blieben zunächst vermisst. Sie herauszuholen, war eine Frage der Ehre für ihre Kollegen. Am Morgen des Freitags begannen erste Rettungsbohrungen, und bald konnten aus einer Tiefe von 60 Metern sieben Bergleute befreit werden. Doch mit jeder Stunde schwand die Hoffnung, noch mehr Männer lebend bergen zu können. Am Samstag, dem 26. Oktober, teilte das zuständige Bergamt offiziell mit: „43 Männer werden wohl nicht gerettet werden können.“ Doch das war zu früh. Denn weitere mindestens 25 der Verschütteten lebten zu dieser Zeit noch. Drei von ihnen konnten am 1. November an die Oberfläche geholt werden. Neun Tage war die Katastrophe nun her, und die Hoffnung schwand weiter. Noch fehlte die gesamte Belegschaft, die im Revier „Osten 92“ eingesetzt gewesen war. Tatsächlich hatten sich 21 von ihnen in einen „Alten Mann“ gerettet, eine ausgebeutete und aufgegebene Sohle. In einem drei mal fünf Meter engen Raum konnten sich die Männer kaum bewegen. Es war stockfinster und feucht, immer wieder fielen Gesteinsbrocken auf die Kumpel. Sechs von ihnen wurden erschlagen. Quälend langsam verstrich die Zeit – ob Tag oder Nacht, wusste hier unten in 55 Metern Tiefe niemand. An der Oberfläche bettelten derweil die Männer der Grubenwehr darum, weiter suchen zu dürfen. Mit Erfolg. Ihre nächste Prüfbohrung verfehlte am Sonntag, dem 3. November 1963, gegen 6.45 Uhr morgens das avisierte Ziel um etwa zwei Meter – und landete damit genau in dem Hohlraum, in den sich die 21 Vermissten gerettet hatten; inzwischen lebten von ihnen nur noch elf. Als sich der Bohrer durch die Decke fraß, stürzte plötzlich Wasser auf die eingekesselten Kumpel. Einige brachen trotz ihrer Erschöpfung in Panik aus, doch einer hatte die Ruhe, so heftig wie möglich an das rund 60 Meter lange Bohrgestänge zu klopfen. Es war das Wunder am elften Tag. „Es mutet fast wie ein Wunder an: Die Rettungsaktion bei Lengede ist noch nicht beendet“, berichtete WELT am 4. November 1963 im Aufmacher der Titelseite: „Die Bergleute haben elf Tage lang keine Nahrung gehabt.“ Bernd Nellessen (verlinkt auf https://www.welt.de/welt_print/article2953220/Abschied-Zum-Tode-des-Journalisten-Bernd-Nellessen.html) , in der Redaktion zuständig für Zeitgeschichte sowie für ganz große Themen (etwa den Eichmann-Prozess, über den er aus Jerusalem berichtet hatte), kommentierte: „An diesem Sonntagmorgen, an dem sich im Ort wie ein Lauffeuer die Kunde verbreitete, elf bereits Totgesagte lebten noch, wurden Frauen und Mütter aus der Trauer wieder herausgerissen, der sie sich seit Tagen hingegeben hatten.“ Über die gerade einmal 58 Millimeter dünne Suchbohrung wurden die Bergleute mit Nahrung und Kleidung versorgt. Sogar schmale Metallprofile ließ man herab, damit unter Tage im „Alten Mann“ eine Abstützung gebaut werden konnte, um für die Kumpel gefährlichen weiteren Einbrüchen der Decke vorzubeugen. Es dauerte drei Tage, bis ein mit 40 Zentimeter Durchmesser hinreichend dimensionierter Rettungsschacht fertig war, um das spezielle Rettungsgerät herabzulassen. Dann fuhren, am 7. November gegen 13 Uhr, zwei Männer der Grubenwehr mit dieser Dahlbusch-„Bombe“ hinab, um den Überlebenden beim Einsteigen zu helfen. Nicht einmal anderthalb Stunden später waren die letzten elf Überlebenden des Grubenunglücks (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article185823780/Zechenungluecke-So-viele-Menschenleben-forderte-die-deutsche-Kohle.html) zurück an der Oberfläche. Die Leistung der Techniker von der Grubenwehr war bewundernswert. Doch gerade sie glaubten an eine höhere Fügung. „Vielleicht hat Gott mitgebohrt“, entfuhr es einem der erschöpften Helfer, und ein anwesender Journalist hörte den erleichterten Stoßseufzer. In den folgenden Wochen versickerten Wasser und Schlamm im Bergwerk vollständig. In der letzten Novemberwoche 1963 machte sich die Grubenwehr unter Tage auf die Suche nach den Leichen der Vermissten (verlinkt auf https://www.welt.de/geschichte/article248347690/Lengede-1963-Doch-was-war-mit-den-Bergleuten-die-unter-Tage-blieben.html) . Mehr als einen Monat nach der Katastrophe konnte niemand von ihnen mehr am Leben sein. Am 26. November konnten die ersten drei Kumpel tot geborgen werden, drei Tage später ein vierter und am 2. Dezember ein fünfter. Bis Weihnachten 1963 wurden insgesamt 13 Leichen gefunden; von zehn weiteren war ziemlich sicher, wo sie liegen mussten: in jenem „Alten Mann“, in dem die elf Verschütteten überlebt hatten. Für die sechs letzten Opfer hatten die Retter zwei Monate nach dem Unglück noch keine Idee, wo sie sein könnten. Die zehn Toten im „Alten Mann“ konnten ohne Lebensgefahr für die Grubenwehr nicht geborgen werden, denn der Stein war zu brüchig. Ende März 1964 fiel die Entscheidung, ihre sterblichen Überreste dort zu belassen und die Höhle zu vermauern. Zu dieser Zeit waren insgesamt 18 Leichen geborgen worden. Weiter vermisst blieb ein Bergmann, von dem nur die Taschenuhr und das Messer gefunden wurden. Wahrscheinlich hatten die Schlammfluten seinen Körper in eine Spalte gerissen, wie es sie unter Tage immer wieder gibt. Die Grubenleitung verewigte die Namen aller 29 Todesopfer in einer Gedenkstätte (verlinkt auf https://www.peine-erleben.de/d1i-item-page/gedenkstaette-wunder-von-lengede-schacht-mathilde-100235124/) wenige Meter neben dem Schacht der Rettungsbohrung zum „Alten Mann“. Sie wurde am 24. Oktober 1964, dem ersten Jahrestag der Katastrophe, eingeweiht. Weit mehr als tausend Menschen nahmen zusammen mit den Hinterbliebenen, den Geretteten und ihren Rettern an der Feierstunde teil. „Wenn wir an dieser Stelle eine Gedenkstätte errichteten, so taten wir dies, damit die Umwelt die verunglückten Bergleute nicht vergisst“, sagte der Bergwerksdirektor dem WELT-Bericht zufolge – und fügte hinzu: „Der Mensch des modernen Zeitalters neigt zur Überschätzung seiner Fähigkeiten. Ein solches Unglück macht dann die Grenzen unserer Möglichkeiten deutlich.“ Sven Felix Kellerhoff (verlinkt auf https://www.welt.de/autor/sven-felix-kellerhoff/) ist Leitender Redakteur bei WELTGeschichte. Zu seinen Themenschwerpunkten zählen der Nationalsozialismus, die SED-Diktatur, linker und rechter Terrorismus sowie Verschwörungstheorien.