Zeit 19.03.2026
19:15 Uhr

Andreas Büttner: "Die größte Radikalität sehe ich bei der Jugend im Westen"


Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter in Brandenburg, ist aus der Linkspartei ausgetreten – wegen deren Antisemitismus, sagt er. Was hat er erlebt?

Andreas Büttner:
Am Wochenende hat der Landesverband der Linken in Niedersachsen beschlossen, den "heute real existierenden Zionismus" offiziell abzulehnen. Das war der Grund für Andreas Büttner, 52, aus der Partei auszutreten . Die Geschichte der Entfremdung zwischen ihm und der Linkspartei begann allerdings schon früher. ZEITmagazin: Herr Büttner, am Sonntag sind Sie aus der Linkspartei ausgetreten. Zum Abschied schrieben Sie Ihrem Landesverband einen Brief und haben ihn auch öffentlich gemacht: "Ich kann nicht länger Mitglied dieser Partei sein, ohne meine eigenen Überzeugungen zu verraten." Worum ging es Ihnen dabei? Andreas Büttner: Nun, mir war wichtig, noch einmal ganz deutlich darauf hinzuweisen, dass diese Partei ein Antisemitismusproblem hat. Der Beschluss der Linken in Niedersachsen zeigte mir, dass der Diskurs in dieser Partei komplett in sich zusammengebrochen ist und dass er so nicht mehr funktioniert. ZEITmagazin: Kurz zuvor hatten Sie auf der Plattform X geschrieben, Sie wollten nicht austreten, sondern eine Entscheidung abwarten: Im vergangenen Jahr stellten neun Mitglieder den Antrag, Sie von der Partei auszuschließen; sie warfen Ihnen Verstöße gegen die Parteilinie vor. Auf Landesebene wurde der Antrag abgelehnt, nun sollte am 25. April die Bundesschiedskommission darüber entscheiden. Büttner: Ja, die Kommission hat mir auch schon schriftlich mitgeteilt, dass sie den Antrag nicht für unbegründet hält. Warum, weiß ich nicht, an den Inhalten des Antrags hatte sich nichts geändert. Ich wollte die Entscheidung jedenfalls abwarten. Aber natürlich zeigt das, dass es einen längeren Entfremdungsprozess zwischen mir und der Partei gab. ZEITmagazin: Was ist in den Stunden zwischen diesem Post und Ihrem Brief passiert? Büttner: Ich begann mich selbst zu fragen: Wie lange kann ich meine Mitgliedschaft in der Linken noch mit meiner Glaubwürdigkeit und der meines Amtes als Antisemitismusbeauftragter vereinbaren? Ich habe in diesen Stunden mit einigen geredet, auch mit Leuten aus meiner Partei, die mir sagten: Du kannst eigentlich nicht mehr bleiben. Darüber habe ich nachgedacht, und dann habe ich gemerkt, die anderen haben recht. Es geht einfach nicht mehr. ZEITmagazin: Welche Reaktionen haben Sie auf Ihre Entscheidung bekommen? Büttner: Aus meinem Landesverband in Brandenburg, aber auch darüber hinaus, habe ich ausnahmslos Nachrichten bekommen, in denen es hieß, dass man mich verstehe. Man finde es traurig, aber man verstehe es gut. ZEITmagazin: Glauben Sie, dass es noch weitere Austritte geben könnte? Büttner: Ich weiß jedenfalls, dass einige darüber nachdenken. Nach mir sind auch schon weitere ausgetreten, zum Beispiel ein Mitglied der Basis, das in einer Gedenkstätte arbeitet. Ich denke, dass dieses Thema eine größere Sprengkraft für die Partei hat als damals die Diskussion um Sahra Wagenknecht. Und ich verstehe auch, wenn Leute bleiben, um das von innen zu bekämpfen. Aber ich kann das nicht mehr. ZEITmagazin: Warum haben Sie die Hoffnung aufgegeben, dass Ihre Partei sich noch verändern könnte? Büttner: Ich sehe gerade nicht mehr, dass diese Partei wieder auf Kurs kommen kann und sich klar an die Seite von Jüdinnen und Juden in Deutschland stellt. Das hat sich für mich auch bestätigt, als der Linken-Vorsitzende Jan van Aken am Montag erklärte, er finde den Beschluss in Niedersachsen nicht besonders gut, aber er bewege sich im Rahmen der Partei, weil man über "real existierenden Zionismus" redet. 52, ist in Kassel geboren. Er war Polizeibeamter in Berlin. Im Brandenburger Landtag war er zuerst für die FDP, 2019 wurde er wieder Landtagsabgeordneter als Mitglied der Linkspartei. 2024 wählte ihn der Landtag mit Stimmen von SPD, CDU, Grünen und Linken zum Antisemitismusbeauftragten. ZEITmagazin: Später erklärte der Landesverband, damit sei allein die Politik der israelischen Regierung gemeint. Büttner: Jan van Aken hat versucht, diese Aussage aus Niedersachsen umzudeuten und gesagt, man meine damit nur die Politik Benjamin Netanjahus. Das steht aber nicht drin, dabei hätte man das ja reinschreiben können. Wegen einer Regierung stelle ich doch nicht die Existenz des gesamten Landes infrage, auf die Idee würde doch bei Spanien oder Frankreich auch niemand kommen. Das bedeutet es aber, wenn man diesen Beschluss in seiner Konsequenz betrachtet. ZEITmagazin: In den sozialen Medien veröffentlichten Mitglieder der Linken ein Video, in dem sie sagten, Niedersachsen sei nun der erste antizionistische Landesverband in Deutschland. Büttner: Wenn ich so etwas sehe, fühle ich eine Mischung aus Verzweiflung und Wut. Wie ahistorisch, wie politisch und moralisch verkommen kann man sein, so ein Video zu produzieren? Außenpolitisch ist ein Beschluss wie dieser doch auch vollkommen irrelevant. Wen interessiert in der Außenpolitik, was die Linke in Niedersachsen beschließt? Dieser Beschluss ist allein nach innen gerichtet, und er ist auch ein Zeichen an die jüdische Gemeinde. Rebecca Seidler, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Hannover, schrieb danach: das Tischtuch ist zerrissen. So etwas muss einem klar sein, und das macht mich wütend. ZEITmagazin: Warum, glauben Sie, stellt sich der Parteivorstand denn nicht gegen solch einen Beschluss? Büttner: Das ist eine taktische Entscheidung. ZEITmagazin: Inwiefern? Büttner: Viele der neuen Mitglieder kommen aus der postkolonialen Ecke, sie verstecken sich hinter der Theorie und sehen Israel als weißes Siedlerprojekt. Sie will man nicht verlieren. Aber es geht auch um migrantische Stimmen. Das ist also eindeutig eine politische Entscheidung. ZEITmagazin: Die Linke konnte ihre Mitgliederzahl nach dem guten Ergebnis bei der Bundestagswahl 2025 beinahe verdoppeln. Ihr ehemaliger Parteikollege Gregor Gysi sagte nun in einem Interview mit dem Focus , viele neue Mitglieder hätten einen "spezifischen Migrationshintergrund", und brächten teilweise falsche Sichtweisen auf Israel mit, die er bekämpfen wolle. Danach wurde er von Teilen der Partei dafür kritisiert, Migranten unter Generalverdacht zu stellen. Büttner: Wir könnten doch mal anfangen, eine ehrliche Debatte zu führen, ohne uns gleich als Rassisten zu beschimpfen. Natürlich haben wir ein Antisemitismusproblem bei Menschen, die aus bestimmten Regionen kommen. Das werfe ich ihnen ja gar nicht vor. Wenn man im Iran zur Schule geht und damit aufwächst, dass es Staatsziel ist, Juden zu töten und Israel zu vernichten, dann hat man wahrscheinlich erst mal eine problematische Haltung gegenüber Juden. Und dann muss man in Deutschland dieses Problem erkennen und auflösen. Und es ist natürlich auch absolut richtig, dass Menschen in einem Einwanderungsland wie Deutschland der Linken beitreten. Aber wenn wir deshalb Debatten nicht mehr führen können, sondern gleich als rassistisch gelabelt werden, machen wir unsere Debattenkultur kaputt. ZEITmagazin: Gysi sagte in dem Gespräch auch, der Antisemitismus in der Linken sei vor allem ein Problem der Jungen. Sehen Sie das auch so? Büttner: Aus meiner Sicht gibt es noch eine zweite Bruchstelle zwischen den ostdeutschen und westdeutschen Landesverbänden. Die im Osten sind stabil, die im Westen sind deutlich antisemitischer. Die größte Radikalität sehe ich bei der Jugend im Westen. ZEITmagazin: Glauben Sie, ein Beschluss wie in Niedersachsen könnte auch auf einem Bundesparteitag getroffen werden? Büttner: Ich fürchte, dass sich dafür mittlerweile eine Mehrheit finden würde. Die Linke ist ja in Bremen und Mecklenburg-Vorpommern mit an der Regierung und möchte weiter mit anderen Parteien zusammenarbeiten. Das wäre dann unmöglich. ZEITmagazin: Wir sprachen vor zwei Monaten schon einmal miteinander, weil ein Schuppen neben Ihrem Wohnhaus in Brand gesetzt worden war, auf Ihrer Haustür fand sich das rote Hamas-Dreieck. Außerdem gab es eine Morddrohung gegen Sie. Wie ist es Ihnen und Ihrer Familie seitdem ergangen? Büttner: Es geht uns gut, wir haben umfassende Solidarität aus der Landesregierung in Brandenburg bekommen. Wir werden gut geschützt und haben dabei auch die Unterstützung des Landtags. In unserem Alltag hat sich natürlich etwas verändert, denn die Polizei ist nun immer vor Ort. Ich muss jeden privaten und dienstlichen Termin melden, zwei Wochen im Voraus. Ich bin für den Schutz sehr dankbar. Aber es gibt Momente, in denen ich jetzt genauer hingucke und mich frage: Welche Leute sind das da drüben? Das alles hat mich vorsichtiger gemacht. ZEITmagazin: Der Bundesvorstand Ihrer Partei äußerte sich erst drei Tage später zu dem Anschlag. Hat Sie das verletzt? Büttner: Ja, es hat mich tief gekränkt. ZEITmagazin: Haben Sie mit Jan van Aken oder Ines Schwerdtner darüber gesprochen – oder mit ihnen vorher die Beweggründe für einen Austritt diskutiert? Büttner: Nun, ich musste wirklich sehr lachen, als Jan van Aken am Montag nach meinem Austritt in einer Pressekonferenz sagte, er und ich hätten regelmäßig Kontakt gehabt. In den vergangenen zehn Monaten habe ich zweimal mit ihm telefoniert: Im Sommer hatte ich ihm geraten, er solle als neuer Parteivorsitzender einen Termin mit dem Zentralrat der Juden ausmachen, was er nicht getan hat. Und am 5. Januar rief er mich nach dem Anschlag auf mein Haus an. Da sagte er, das sei alles ganz schlimm, doch in der Pressekonferenz danach sagte er gar nichts dazu. Frau Schwerdtner hat bisher kein einziges Mal mit mir gesprochen. ZEITmagazin: Hat das Ihre Entscheidung, die Partei zu verlassen, ebenfalls beeinflusst? Büttner: Der Umgang miteinander ist definitiv etwas, was mich beschäftigt hat. Wenn ich aus meiner eigenen Partei heraus permanent beleidigt werde, dass ich ein Faschist und ein Nazi sei, dass dann ein Anschlag auf mein Haus verübt wird, und der Vorstand dazu schweigt, finde ich schon sehr schwierig. ZEITmagazin: Im Januar haben Sie bei einer Kundgebung in Berlin gesagt, die Bürger sollen Ahmed Abed nicht wählen – den Bürgermeisterkandidaten der Linken für Neukölln. Ihre Aussage sorgte in Ihrer Partei für sehr viel Kritik. Das dürfte die Entfremdung verstärkt haben, oder? Büttner: Ich mache mich doch unglaubwürdig in meinem Amt, wenn ich sage, Antisemitismus ist in unserem Land ein Problem, aber Ahmed Abed ist in Ordnung – obwohl er zum Beispiel ein Sommerfest mit Organisationen veranstaltet, die der Hamas nahestehen. ZEITmagazin: Sie sagten mehrmals, es sei nicht Ihre Aufgabe, die israelische Politik zu kritisieren. Wieso, glauben Sie, können Sie das als linker Antisemitismusbeauftragter nicht tun? Es gibt schließlich auch viele Jüdinnen und Juden, die Benjamin Netanjahu kritisieren. Büttner: Ich bin ja nicht der Außenminister der Bundesrepublik. Man wird von mir keine Aussage finden, mit der ich die israelische Regierung verteidige – ich werde Netanjahu nie verteidigen. Meine Aufgabe ist es, zu beobachten, was im Nahen Osten passiert und einzuschätzen, welche Auswirkungen das auf jüdisches Leben in Deutschland hat. ZEITmagazin: Eine Besonderheit Ihrer Person ist es, dass Sie schon dreimal eine Partei verlassen haben: Bevor Sie der Linken beitraten, waren Sie schon in der CDU und in der FDP. Macht das einen Ausstieg leichter? Büttner: Ich war gerade mal 16 Jahre alt, als ich in die CDU eintrat. Ich habe das auch nur gemacht, weil mein Onkel in der CDU war, ich etwas erreichen wollte, und man mir sagte, in der Partei geht das. Inhaltlich war das für mich nicht überzeugend, deshalb bin ich auch mit 18 Jahren ausgetreten. Die FDP verließ ich 2015, weil ich merkte, dass ich keine Argumente mehr gegen den Mindestlohn finden konnte. Außerdem erkrankte mein Vater an Krebs, er starb später daran. Mein jüngster Sohn hat eine geistige Behinderung. Bei beiden musste ich um jede einzelne Unterstützung kämpfen – und das hat dazu geführt, dass ich sagte, ich gehe, denn hier stimmt was nicht. Aber eine Partei ist natürlich auch eine Gemeinschaft, in der man persönliche Beziehungen pflegt. Deshalb ist es mir auch jetzt schwergefallen, aus der Linken auszutreten. ZEITmagazin: Wollen Sie weitermachen, auch als parteiloser Antisemitismusbeauftragter? Büttner: Auf jeden Fall, denn ich sehe, dass ich wirklich etwas verändern kann. Es ist für mich der schönste Job, den ich je hatte.