Zeit 26.05.2026
14:36 Uhr

Antisemitische Codes auf TikTok: Antisemitismus im Hochformat


Genutzt wird ein »Juice«-Emoji, gemeint sind »Jews«: Auf TikTok kursieren viele antisemitische Codes. Eine Untersuchung nimmt einschlägige Hashtags genauer in den Blick.

Antisemitische Codes auf TikTok: Antisemitismus im Hochformat
Eine grüne Verpackung, ein aufgedruckter roter Apfel und ein Strohhalm – eigentlich sieht das Saftpaket-Emoji harmlos aus: 🧃. Was also hat das nette Bildchen mit Antisemitismus zu tun? Diese Frage könnte man wohl auch der Brandenburger AfD-Politikerin Peggy Lindemann stellen. Im Februar 2026, kurz nach der Veröffentlichung zahlreicher Dokumente zum Fall des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein , teilte sie auf sozialen Medien ein Kurzvideo . Darin war von einer als »Elite-🧃« bezeichneten Menschengruppe die Rede, die Kinderblut trinke. In diesem Kontext stellt das Saftpaket kein harmloses Getränk dar. Seine Verwendung spielt mit Mehrdeutigkeit und greift die phonetische Ähnlichkeit der englischen Wörter juice (Saft) und Jews (Juden) auf. »Elite-🧃« kann dann also als »Elite-Juden« oder »jüdische Elite« gelesen werden. In dem von Lindemann geteilten Video wird zudem ein »Maler aus Österreich« erwähnt, der vor der angeblich bluttrinkenden Elite gewarnt habe. Bei dem »Maler« handelt es sich um eine in rechtsextremen Kreisen geläufige Referenz auf Adolf Hitler. Für sich bleiben beide Anspielungen zwar vage, im Zusammenspiel aus Saftpaket und Maler eröffnet sich jedoch eine neue antisemitische Lesart. Die zu entschlüsselnde Aussage: Hitler und die Nazis lagen mit ihrem Judenhass nicht falsch. Die AfD-Kommunalpolitikerin sprach im Anschluss von einem unglücklichen Missverständnis; sie habe weder von der Doppeldeutigkeit des Emojis gewusst noch davon, dass Hitler Maler war. Also wieder mal nur ein » Mausgerutscht «-Fall in der AfD? Eindeutig uneindeutig Das Beispiel Lindemann verdeutlicht drei grundsätzliche Aspekte der Verwendung antisemitischer Onlinecodes : Erstens sind diese Codes heute nicht mehr ausschließlich in radikalisierten Nischen des Internets zu finden. Auch auf etablierten Plattformen erzielen sie große Reichweiten. Zweitens werden sie dabei nicht nur von extremistischen Strömungen verbreitet, sondern integrieren sich organisch in virale Trends und Dynamiken der Netzkultur. Und drittens eröffnet die Mehrdeutigkeit eine neue Ebene, auf der die Intention der Absender nicht mehr eindeutig festzustellen ist: Handelt es sich um Überzeugungstäter? Wird sich ein Spaß erlaubt, der über die Stränge schlägt? Oder fehlt es schlicht an Wissen über den antisemitischen Gehalt? Wobei bei Letzterem, wie im Fall Lindemann, meist unklar ist, ob sich jemand lediglich auf Unwissenheit beruft oder tatsächlich unwissend ist. Dieser Mischung aus uneindeutigen Motiven, Andeutungen und kollektiver Verantwortungslosigkeit wohnt eine digitale Anziehungskraft inne. Besonders deutlich wird das auf TikTok. Wie erfolgreich sich antisemitischer Content hier verbreitet, geht aus unterschiedlichen Reports hervor – aus Zivilgesellschaft (PDF) und Forschung (PDF) gleichermaßen. Eine Analyse des Antisemitismus auf TikTok Die Funktionsweise von TikTok erschwert Forschung auf breiter Datenbasis: Jeder Feed ist anders – was jemand sieht, hängt stark vom eigenen Nutzungsverhalten ab. Die individuellen Feeds werden jedoch zugleich auch von digitalen Trends beeinflusst. Eine Untersuchung, die im Onlinemagazin Machine Against the Rage erschien, nimmt deshalb einschlägige Hashtags in den Blick, über die sich entsprechende Inhalte verbreiten. In die Analyse flossen rund 21.000 TikToks ein, die mit Hashtags wie #Goy, #Zionism oder #271 markiert wurden. Die dahinter stehenden Inhalte sind dabei nicht per se antisemitisch, können aber als Zugang zu potenziell antisemitischem Content dienen. Von den 21.000 Beiträgen wurden mehr als 2.400 zufällig ausgewählt und genau analysiert. Einen eindeutig antisemitischen Inhalt – sprich: Symbole, Beleidigungen und unmissverständliche Referenzen, die Jüdinnen und Juden aufgrund ihres Jüdischseins abwerten – wiesen zwar lediglich drei Prozent der Beiträge auf. Doch die Analyse zeigt auch: Deutlich häufiger lassen sich codierte, weniger offensichtliche Formen des Antisemitismus finden. Holocaustleugnung als Zahlencode Eine besonders weit verbreitete Spielart antisemitischer Andeutungen sind Zahlencodes. So taucht in der Analyse etwa die Zahl 271.000 häufig auf, auch in ihren Varianten 271 oder 271k. Die Zahl verweist auf ein historisches Dokument, in dem die ausgestellten Sterbeurkunden einiger, jedoch nicht aller KZ-Häftlinge verzeichnet sind. In geschichtsrevisionistischen Kontexten wird daraus fälschlicherweise abgeleitet, die Quelle sei ein Beleg dafür , dass die Zahl der Opfer des Holocausts deutlich unter der historisch anerkannten Schätzung von rund sechs Millionen getöteten Jüdinnen und Juden liegt. Für sich genommen ist auch die Zahl 271.000 unauffällig. Wird sie allerdings mit bestimmten Sounds, Videoausschnitten oder Bildern in Verbindung gebracht, etwa von NS-Konzentrations- oder -Vernichtungslagern, eröffnen sich andere Interpretationsmöglichkeiten. Der antisemitische Charakter ergibt sich somit häufig erst aus der Kombination verschiedener Komponenten. Dabei wirkt der Code nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Unauffälligkeit. Er vermeidet eine offene Relativierung oder gar Leugnung des Holocausts und verlagert sie in eine chiffrierte Andeutung. Für Außenstehende ist diese leicht zu übersehen, für Eingeweihte aber ist sie verständlich. Von TikToks dieser Art, die in der Analyse als potenziell antisemitisch erfasst wurden, entfielen 46 Prozent auf die Kategorie Holocaustrelativierung oder -leugnung.