Zeit 11.03.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Hamburg-Besuch aus dem Kriegsgebiet


Die Elbvertiefung am Mittwoch – Mit weniger Pannenhilfe, einer Gegnerin des Alice-Schwarzer-Auftritts und den Auswirkungen herumliegender E-Scooter auf unsere Psyche

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Hamburg-Besuch aus dem Kriegsgebiet
Liebe Leserin, lieber Leser, gestern saß ich mit Anna und Maksym aus Kyjiw im Café. Sie sind 16 und 15 Jahre alt und gerade mit einer Jugendreisegruppe aus der Ukraine für zehn Tage in Hamburg. Maksym schwärmt von den Besuchen im Rathaus, in der St.-Petri-Kirche und an der Uni, von dem sie gerade kamen. Anna erzählt, dass die Reise nach Hamburg die erste seit dem Türkeiurlaub mit ihren Eltern vor sieben Jahren sei. Dann kam die Pandemie, und dann der Krieg. Organisiert wird die Reise vom Verein Jugenderholungswerk Hamburg und der Klitschko Foundation. Das Geld gaben zu großen Teilen Schulbehörde und Senatskanzlei. Die Idee ist, den 24 Jugendlichen eine Auszeit vom kriegsbelasteten Alltag zu ermöglichen. Anna und Maksym können sich noch gut an den Februarmorgen 2022 erinnern, als der Überfall Russlands begann. Anna erzählt, sie sei schon nachts aufgewacht, weil ihre Katze sich unruhig verhalten habe, auf dem Fensterbrett saß und mit der Pfote gegen die Scheibe getippt habe. Die ersten Wochen haben Anna und ihre Familie in einem Schutzraum in Kyjiw verbracht, ehe sie zu Verwandten in einer sicheren Zone zogen, Schulunterricht hatte sie ein Jahr lang nur online. Seit all das passiert ist, sagt Anna, werde sie schneller nervös, sogar ihre Hände beginnen oft zu zittern. Maksym wurde an jenem Morgen vor vier Jahren von seiner Mutter geweckt, er müsse heute nicht in die Schule, habe die nur gesagt. Er ging ins Wohnzimmer und sah im Fernsehen, was los war. Mit seiner Mutter fuhr er an diesem Tag stundenlang umher, um Sprit, Bargeld und Wasserkanister zu besorgen. Wie Tausende andere in der Stadt, überall sei Stau gewesen. Erst mal, sagt Maksym, sei das alles gar nicht so angsteinflößend für ihn gewesen, eher etwas aufregend. Doch dann, wenige Tage nach Kriegsbeginn, sei ein Cousin seines Vaters an der Front gestorben, später wurde das Wohnhochhaus bombardiert, in dem seine Großtante lebte. Maksym wohnte selbst im 14. Stock. Er und seine Mutter flüchteten für die nächsten Monate nach Polen, seinen Vater sah er erst nach einem halben Jahr wieder. Während Anna und Maksym meine Interviewfragen beantworten und Franzbrötchen essen, bekommen sie die Warnung für einen Luftangriff auf ihre Handys. Ihre App zeigt ihnen an, wo im Raum Kyjiw gerade Gefahr durch Drohnen oder Raketen besteht. Den heulenden Alarmton haben die beiden für die Zeit in Hamburg stumm gestellt. Die Reise nach Deutschland und die Gespräche, die sie hier führen, haben sie in ihrem Wunsch bestärkt, im Ausland zu studieren, sagt Anna. Zuvor habe sie sich geschämt für diese Idee. Manche in der Ukraine hätten ihr gesagt, damit würde sie ihr Land im Stich lassen. Dabei helfe es der Ukraine ja auch, wenn sie irgendwann gut ausgebildet zurückkehre, findet sie. Heute reist die Gruppe wieder ab, mit dem Bus, 30 Stunden Fahrt. Klar, ein bisschen länger wären sie gern noch geblieben, sagt Maksym. Aber auf Kyjiw freuen sich die beiden auch. "Natürlich!", sagt Anna. "Es ist schließlich unser Zuhause." Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Ihre Viola Diem Was heute wichtig ist 27.000 Kinder in Hamburg beziehen einen sogenannten Unterhaltsvorschuss. So wird die Leistung genannt, wenn der Staat einspringt, weil ein Elternteil keinen Unterhalt zahlt (in 95 Prozent der Fälle die Väter). Ein neues bezirkliches Zentralamt mit 106 Mitarbeitenden soll ab April dafür sorgen, dass mehr unterhaltspflichtige Elternteile das Geld zurückzahlen. Derzeit liegt die Quote bei nur 11,5 Prozent. Mit einem Umschlag von 99,8 Millionen Tonnen war Hamburg auch 2025 der größte deutsche Seehafen. Insgesamt wurden in den deutschen Häfen 284,4 Millionen Tonnen Güter verladen. Das ist laut Statistischem Bundesamt ein Plus von 3,8 Prozent zum Vorjahr, trotz Zollstreits und globaler Krisen. Der wichtigste deutsche Handelspartner sind nach wie vor die USA. 2025 hatte der ADAC 193.971 Einsätze in Hamburg, 2.700 weniger als 2024. Das ist laut Automobilclub ein gegenläufiger Trend. Deutschlandweit gab es 2025 rund 60.000 Einsätze mehr als im Vorjahr; insgesamt 3,7 Millionen. Im Schnitt geht übrigens alle neun Sekunden ein Pannennotruf ein. Die häufigste Ursache: Starterbatterie. Ein Bus der 5er-Linie ist mit einem Auto zusammengestoßen. An der Kreuzung Grindelallee/Beim Schlump war der Wagen auf die Busspur gefahren. Trotz Vollbremsung kam es zur Kollision. Dabei wurden 13 Fahrgäste verletzt, drei davon schwer. Ein Passant hat in einem Bach in Jenfeld die Leiche eines Mannes entdeckt. Der Körper trieb schon länger im Wasser, so die Feuerwehr. Alter und Identität des Toten sind der Polizei zufolge noch ungeklärt. Bisher gibt es keine Hinweise auf ein Fremdverschulden. Aus Hamburg "Ich wünsche mir mehr Verantwortungsbewusstsein" Schon vor den Protesten gegen Alice Schwarzer im Schauspielhaus in Hamburg gab es einen offenen Brief, der die Einladung kritisierte. Eine der Initiatorinnen war Saskia Tsitsigias. Sie engagiert sich im Magnus-Hirschfeld-Centrum in Hamburg, einer Beratungsstelle für queere Personen und deren Angehörige. ZEIT-Autor Christoph Twickel hat Tsitsigias zu ihrer Motivation befragt – auf ihren Wunsch hin per E-Mail. Lesen Sie hier einen Ausschnitt. DIE ZEIT: Saskia Tsitsigias, Sie haben einen offenen Brief an Karin Beier, die Intendantin des Schauspielhauses, mitverfasst. Darin bezeichnen Sie die Einladung von Alice Schwarzer als Fehler. Warum? Saskia Tsitsigias: Ich erlebe täglich in der Arbeit mit trans* und nicht binären Personen, dass ihre Geschlechtsidentität gesellschaftlich infrage gestellt wird. Das hat konkrete Folgen für ihre Gesundheit, ihre Sicherheit und ihre gesellschaftliche Teilhabe. Die Anerkennung der Geschlechtsidentität ist zentral für das psychische und körperliche Wohlergehen von trans* und nicht binären Personen, das sagt unter anderem auch die Weltgesundheitsorganisation. Und Studien in Deutschland zeigen, dass trans*feindliche Narrative Hasskriminalität begünstigen können, wobei trans* Frauen besonders betroffen sind. ZEIT: Also sollten Positionen wie die von Alice Schwarzer nicht auf einer öffentlichen Bühne diskutiert werden. Ist das Ihre Position? Tsitsigias: Ein Ort wie das Hamburger Schauspielhaus ist keine neutrale Arena. So eine Kulturinstitution adelt und legitimiert die Position derer, die sie einlädt – auch die von Alice Schwarzer, die von vielen Einrichtungen, Fachverbänden und Betroffenen als ausgrenzend wahrgenommen werden. Das wollten wir auf keinen Fall unkommentiert lassen, in der Hoffnung, dass derartige Booking-Entscheidungen zukünftig besser überdacht werden können. ZEIT: Wäre eine Absage der Veranstaltung aus Ihrer Sicht besser gewesen? Tsitsigias: Als Beraterin erlebe ich täglich, wie verletzend öffentliche Debatten wirken können. Deshalb wünsche ich mir weniger ein Entweder-oder und mehr Verantwortungsbewusstsein: wer eingeladen wird, wie das eingeordnet wird und wessen Stimmen sonst noch gehört werden. Ob es mit dem offenen Brief beabsichtigt war, Alice Schwarzer "von der Bühne zu jagen" – wie es die Frauenrechtlerin empfand (Z+) – lesen Sie in der ungekürzten Fassung. → Zum Interview (Z+) Schon gelesen? Was steht denn hier rum?! Immer diese Zu-verschenken-Kisten! Als ob jemand einen kaputten Staubsauger bräuchte. Dann die 4.000 abgemeldeten Fahrzeuge, die in Hamburg öffentliche Parkplätze blockieren. Und am schlimmsten: Die E-Scooter, die überall rumfliegen! Der Ärger über störende Dinge verrät viel über Wünsche und Grenzen von Menschen, hat die Psychologin Verena Kast ZEIT-Autor Sven Stillich erklärt. → Zum Artikel (Z+) Darauf können Sie sich freuen In ihrem Buch "Gegenwart machen – Eine Oral History des Popjournalismus" hat die Autorin Erika Thomalla Anekdoten und Geschichten über einen Journalismus gesammelt, der sich an literarischen Formen orientiert: Prägend waren Magazine wie Spex , Wiener und Tempo , und Autorinnen wie Johanna Adorján , Maxim Biller, Max Goldt, Christian Kracht und Moritz von Uslar, die die Grenze zwischen Reportage und Literatur neu vermessen haben. Bei der Buchvorstellung sind neben Autorin Thomalla zwei weitere Vertreter dieser Szene zu Gast: Thomas Meinecke und Eckhart Nickel. "Gegenwart machen" , 12.3., 19.30 Uhr; Literaturhaus, Schwanenwik 38; weitere Infos und Tickets (auch für den Livestream) gibt es hier Meine Stadt Hamburger Schnack Ich bin zu einem 100. Geburtstag eingeladen, gratuliere der Jubilarin und bemerke, dass ich noch nie einen 100. Geburtstag gefeiert habe. Sie sagt: "Ich auch nicht." Gehört von Karin Koch Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .