Zeit 02.06.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Von Selbstkritik keine Spur


Die Elbvertiefung am Dienstag – Mit einem Kommentar zu Hamburgs Olympia-Arroganz, 1.500 Freiwilligen für den Michel und den Vorzügen des Angequatschtwerdens in der Bahn

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: Von Selbstkritik keine Spur
Liebe Leserin, lieber Leser, »Das Leben geht weiter«, sagte Peter Tschentscher freundlich lächelnd, als er gestern, am Tag nach dem Olympia-Nein, im Rathaus vor die Presse trat. Katharina Fegebank war ganz in Schwarz gekleidet, Sportsenator Andy Grote blickte ernst drein. Alle drei bemühten sich um die richtige Balance zwischen Enttäuschung und Zuversicht. »Wer solch eine Frage zur Abstimmung stellt, darf sich nicht über die Antwort beklagen«, sagte Tschentscher. Der Senat sehe sich durch das nunmehr zweite verlorene Referendum binnen eines Dreivierteljahres nicht beschädigt, sagte der Bürgermeister. Er fühle sich weiterhin von der Bevölkerung unterstützt. Und Grote setzte hinzu: »Wir wollen doch jetzt nicht in Depression verfallen.« Nach vorn schauen, das ist nun also die Devise. Manche Idee aus dem Bewerbungskonzept wolle man auch ohne Olympia weiterverfolgen, sagte Grote. Sportangebote für Kinder und Jugendliche sollen ausgebaut werden, auch an den Plänen für ein neues Stadion im Volkspark hält die Stadt fest. Wann und wie die Arena gebaut wird, ist noch offen. Von Selbstkritik war im Rathaus nichts zu hören. Kein Wort dazu, ob der Ton der Werbekampagne richtig gewählt war. Kein Wort dazu, ob man Sorgen und Einwände einiger Hamburgerinnen und Hamburger womöglich unterschätzt hat. Das hat mich nicht unbedingt überrascht, aber ich hätte mir mehr erhofft. Denn aus etlichen Gesprächen, Recherchen und auch aus Ihren Mails habe ich genau diesen Eindruck gewonnen: Viele Menschen hätten sich keine Hochglanzkampagne gewünscht, sondern eine ehrlichere Debatte auf Augenhöhe. Nicht nur: »Das wird super, vertraut uns mal!« Sondern auch: »Ja, das wird teuer. Ja, das wird kompliziert. Aber wir halten es trotzdem für richtig – und zwar aus diesen Gründen.« Das Leben geht weiter, das stimmt. Die Frage ist nur, ob die Politik aus diesem Referendum mehr mitnimmt als die Erkenntnis, dass Olympia in Hamburg gerade keine Mehrheit findet. Und wo wir schon beim Thema Kommunikation sind: Spannend wird auch, welche Geschichte der Senat über Infrastrukturprojekte wie den Ausbau des Hauptbahnhofs erzählt. Verzögern sie sich weiter, wird man dann irgendwann hören: Tja, hättet ihr mal für die Spiele gestimmt? Ich hoffe nicht. Viele dieser Vorhaben wurden lange vor der Olympia-Idee angekündigt, sie sind notwendig für uns alle. Die Aufgabe der Politik wird nun sein, nicht nachträglich noch ein Lagerdenken zu beschwören, sondern diese Projekte als gemeinsame Themen zu behandeln. Am Ende sitzen wir ohnehin alle in derselben Bahn. Mein Kollege Christoph Twickel und ich haben uns noch ein paar Gedanken zum Olympia-Nein gemacht. Falls Sie weiterlesen möchten, hier entlang (Z+) . Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Annika Lasarzik Wollen Sie uns Ihre Meinung sagen, oder wissen Sie etwas, über das wir berichten sollten? Dann schreiben Sie uns eine E-Mail an hamburg@zeit.de . WAS HEUTE WICHTIG IST Mit einer großen Evakuierungsübung am 20. Juni will sich der Hamburger Michel auf mögliche Notfälle wie etwa einen Brand vorbereiten. Dafür sucht die St. Michaeliskirche rund 1.500 Freiwillige. Gesucht werden Menschen jeder Altersklasse, mit und ohne Geheinschränkungen. Die rund 75-minütige Übung startet mit einem Orgelkonzert. Im Zehnjahresvergleich ist die Lebenserwartung älterer Hamburger um rund drei Monate gesunken. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion hervor. Die Hamburger Bundestagsabgeordnete Cansu Özdemir (Linke) bewertete den Rückgang als »katastrophale Entwicklung« und forderte, »dringend Maßnahmen« zu ergreifen. Die Linke ist gegen eine Anhebung des Renteneintrittsalters und gegen eine Kopplung dessen an die Lebenserwartung. Zwei Gänse im Gleisbett haben am Sonntag den S-Bahnverkehr in Altona lahmgelegt. Um die Tiere in Sicherheit zu bringen, sperrte die Bundespolizei die Strecke zwischen den Stationen Hochkamp und Klein Flottbek und schaltete den Strom ab. Beide Tiere blieben unverletzt. Die Polizei hat in einer Lagerhalle in Moorburg 21.000 gestohlene Gastronomie-Handtücher sichergestellt. Das mutmaßliche Diebesgut aus einem Restpostenhandel im Wert von knapp 170.000 Euro war auf sechs Paletten sowie in 44 Umzugskartons verpackt. Die Ermittlungen gegen eine 49-Jährige und einen 68-Jährigen wegen des Verdachts der Hehlerei dauern an. Gut vier Monate nach Schüssen in einem türkischen Kulturverein in Lurup hat die Staatsanwaltschaft eine Belohnung von 5.000 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Ergreifung der drei noch flüchtigen Täter führen. Einen 26-jährigen Tatverdächtigen hat die Polizei bereits am 5. Mai in Altona verhaftet. AUS HAMBURG Gute Laune allein reicht nicht Die Hamburger Olympia-Bewerbung scheiterte nicht an der fehlenden Sportbegeisterung in der Stadt – sondern an der Arroganz von Senat und Unternehmen. Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Kommentar von Annika Lasarzik und Christoph Twickel. Ein paar Tage vor der Abstimmung am Sonntag tauchte sein sonnenbebrilltes Schlapphut-Konterfei plötzlich überall in der Stadt auf. »Olympia? Cooles Ding«, stand auf den Udo-Lindenberg-Plakaten, die Teil der millionenschweren Pro-Olympia-Kampagne von Senat, Wirtschaft und Sportverbänden waren. Offenbar sollte Hamburgs berühmtester Rockstar der Kampagne kurz vor Schluss noch den nötigen Schub geben. Aber vergeblich: Die städtische Kampagne ist krachend gescheitert. Knapp 55 Prozent der Hamburgerinnen und Hamburger stimmten gegen die Spiele. Und das, obwohl das Pro-Olympia-Bündnis breit aufgestellt war: Neben den beiden Regierungsparteien SPD und Grünen gehörten auch die CDU, der Hamburger Sportbund, die Handelskammer, Großkonzerne wie die Otto Group und zahlreiche weitere Institutionen dazu. Das Udo-Plakat steht für das Missverständnis, dem sie alle aufgesessen sind. Sie glaubten, die Begeisterung für Olympia sei in Hamburg längst da – man müsse sie nur noch wachküssen. »Dein Ja für ein Sommermärchen für Hamburg«, stand auf einem anderen Plakat. Als fehle dieser Stadt zu ihrem Glück nur noch ein gut gelauntes Großevent. Vor dem Hintergrund dieses Mindsets überrascht die Stimmverteilung nicht. In manchen Hamburger Gegenden stimmten die Menschen durchaus mehrheitlich für Olympia – und zwar in den bessergestellten und locker besiedelten Stadtteilen . In den Walddörfern im Norden der Stadt, in den Elbvororten Blankenese, in Nienstedten, Othmarschen, Eppendorf, Harvestehude und in der Hafencity. Dort also, wo sich weniger Menschen um Mieterhöhungen Sorgen machen müssen, weil viele im Eigentum wohnen. Und wo ein notorisch überfüllter Hauptbahnhof keinen Stress bereitet, weil in der Garage ein Kleinwagen und ein SUV stehen. Wo man weit weg ist von den verstopften Straßen, den Tourismusströmen und Polizeiaufgeboten, die ein wochenlanges Großereignis mit sich bringen. In diesen Gegenden klingt die Aussicht auf Olympia scheinbar tatsächlich nach einem Sommermärchen. Wie weit die Schere zwischen Pro-Olympia-Bündnis und den Mit-Nein-Stimmenden letztendlich aufgeht , lesen Sie weiter in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) SCHON GELESEN? Lassen Sie sich in der Bahn anquatschen. Es wird Ihr Leben verändern »Ich war immer skeptisch, wenn mich jemand im Bordbistro zwang, die Kopfhörer rauszunehmen. Heute weiß ich: Etwas Besseres kann einem auf einer Zugfahrt nicht passieren.« Diese Entdeckung hat ZEIT-Redakteur Francesco Gianmarco gemacht. Er hätte sonst unter anderem den Fun Fact verpasst, dass es in Hamburg angeblich einen Mann gibt, der dem Zoo den Tiermist abkauft, um seinen Boden zu düngen. → Zum Artikel (Z+) DAS KÖNNTE SIE INTERESSIEREN Am kommenden Freitag eröffnet die Künstlerin Katharina Kohl am Ballindamm Gedächtnislücken #revisited – ein temporäres Denkmal, das die Lücken der Aufklärung im NSU-Komplex sichtbar machen will. Anlass ist auch der Mord an Süleyman Taşköprü vor 25 Jahren: Erst 2011 wurde die Tat in Hamburg in den Zusammenhang des NSU gestellt, zuvor hatten die Behörden vor allem im familiären Umfeld und im Bereich organisierter Kriminalität ermittelt. Bis zum 12. Juli sind an weiteren Orten im Stadtgebiet großformatige Plakate zu sehen. Sie basieren auf Protokollen der NSU-Untersuchungsausschüsse und sind weitgehend geschwärzt. Lesbar bleiben nur jene Passagen, in denen Zeugen aus Sicherheitsbehörden angeben, sich nicht erinnern zu können. Zum Rahmenprogramm gehört am 7. Juni um 14.30 Uhr im Kölibri (Hein-Köllisch-Platz 12) ein Podiumsgespräch mit Filmvorführung. »Gedächtnislücken #revisited« , 5. Juni, 16.00 Uhr; Ballindamm/Jungfernstieg bei der digitalen Litfaßsäule und bis 12. Juli diverse Orte im Stadtraum MEINE STADT HAMBURGER SCHNACK Neulich im Steakhaus kam uns die Kellnerin sehr bekannt vor. Ich sagte: »Ja, wie schön, dass Sie doch schon 30 Jahre da sind. Das freut uns immer sehr.« Da sagte sie: »Ich bin aber erst 30.« Erlebt von Marie-Luise Schwarz Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .