Zeit 19.08.2026
06:00 Uhr

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg: »Immer mehr Auspeitschen, Foltern und Fingerabschneiden«


Die Elbvertiefung am Mittwoch – Mit einer speziellen Lesung, so vielen Schülern zum Schulstart wie fast nie und dazu, was ein Statiker zum Hamburger Abriss-Drama sagt

Elbvertiefung: Der tägliche Newsletter aus Hamburg:  »Immer mehr Auspeitschen, Foltern und Fingerabschneiden«
Liebe Leserin, lieber Leser, neulich saß ich auf einer Barkasse, die gemächlich durch den Hafen tuckerte. Draußen versank die Sonne in der Elbe, drinnen las ein Mann aus einem Buch vor, und ich muss gestehen, dass ich aus dem Fenster schaute und träumte. Dann fiel ein Satz wie ein Schuss. »Wir haben hier immer mehr Auspeitschen, Foltern und Fingerabschneiden«, sagte der Vorleser. Plötzlich war ich hellwach. Der Mann, der das sagte, nennt sich Ben Westphal. Das ist ein Künstlername. Seinen echten Namen hält er geheim, denn der 45-Jährige führt ein Doppelleben. Tagsüber arbeitet er als Drogenfahnder im Rauschgiftdezernat und jagt Dealer. Abends sitzt der Beamte des Landeskriminalamts auf der Couch und schreibt Krimis. Westphals Romane sind erfunden. Aber sie sind inspiriert von dem, was er seit mehr als 20 Jahren erlebt. »Ich brauche fürs Schreiben nicht recherchieren, weil ich so viel erlebe.« Dem Foltern begegnet Westphal nun öfter, das hat mit dem Schmuggel im Hafen zu tun. Die Menge des entdeckten Kokains hat extrem zugenommen: 2013 fanden Polizei und Zoll etwa 380 Kilogramm, 2023 waren es 34 Tonnen. Mit der Zunahme ist auch der Umgang unter den Drogenhändlern brutaler geworden. »Die Gewaltspirale hat sich gedreht«, sagte Westphal. Denn diese Gewalt ersetzt Verträge. Schulden werden mit Zwang eingetrieben, unzuverlässige Bandenmitglieder mit Drohungen eingeschüchtert und gestohlene Ware durch Verstümmelung geahndet. Ben Westphal übersetzt diese grausame Welt in Bücher. Begonnen hat das 2019. Ein Kollege ging in Pension und Westphal machte ihm ein besonderes Geschenk: Er schrieb einen Krimi über einen pensionierten Fahnder, der sich in die Ermittlungen einmischt. Es sollte ein Unikat bleiben, aber immer mehr Kollegen wollten das Buch lesen, erzählte Westphal. Er schrieb einen zweiten Krimi und publizierte ihn im Selbstverlag. Eine Buchhändlerin stellte ihn in die Regale, von da an stieg der Absatz. Seit Band drei hat Westphal einen Verlag. Auf der Barkasse sitzt der Autor im Hoodie vor den Zuhörern und liest aus Band sechs vor. Am Eingang stehen Tische, ein Mann verkauft Bücher und Bier. Das ist der Ex-Kollege aus den Krimis. Darin heißt er Gert Sehling, aber auch das ist ein Pseudonym. Wie auch der Name Ben Westphal. Denn der will ja weiterhin Dealer jagen. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag! Ihre Kristina Läsker Was heute wichtig ist Die im Bau befindliche Müllsortier- und Verbrennungsanlage der Stadtreinigung Hamburg könnte etwa 870 Millionen Euro kosten. Das ergibt sich aus einer Schätzung der Stadtreinigung und einer Untersuchung von Wirtschaftsprüfern. Über beides wurde gestern in einer nicht öffentlichen Sitzung des Umweltausschusses der Bürgerschaft berichtet. Seit Jahresanfang ist ein neues Management der Stadtreinigung für den Bau des sogenannten Zentrums für Ressourcen und Energie (ZRE) zuständig. Es hatte die Untersuchung beauftragt, weil es den Angaben der Vorgänger zu den Kosten misstraute. Die Umweltbehörde – sie verantwortet die politische Steuerung des Entsorgers – bezeichnete die Zahlen auf Nachfrage der ZEIT hin als nicht belastbar. Der von Umweltsenatorin Katharina Fegebank (Grüne) geleitete Aufsichtsrat habe das Budget für den Bau noch nicht freigegeben, sagte der Sprecher der Behörde. Die im Ausschuss vorgestellte Summe setzt sich zusammen aus Baukosten zwischen 720 und 780 Millionen Euro und aus Zinsen für Baukredite von geschätzt 86 bis 90 Millionen Euro. Als die Planung für die Anlage Ende der 2010er-Jahre begann, wurden die reinen Baukosten noch mit 234 Millionen Euro angegeben. Ende 2025 hatte die damalige Geschäftsführung der Stadtreinigung sie laut Umweltbehörde bereits auf 534 Millionen Euro beziffert. Das ZRE entsteht im Stellinger Moor direkt an der Autobahn A7. Es soll Müll automatisch sortieren, wiederverwertbare Rohstoffe entnehmen und den Rest verbrennen, um daraus Strom und Heizenergie für das Fernwärmenetz zu gewinnen. Frank Drieschner Ein 24-Stunden-Warnstreik hat gestern den Hafenumschlag in den drei großen deutschen Containerhäfen Hamburg, Bremerhaven und Wilhelmshaven verlangsamt und teils lahmgelegt. Hintergrund sind Tarifverhandlungen zwischen der Gewerkschaft Ver.di und dem Zentralverband der deutschen Seehafenbetriebe. Die Tarifgespräche sollen am Montag weitergehen. Mietervereine fordern nach dem Teilabriss einen verbindlichen Wiederaufbau für das Wohnhaus in der Holstenstraße. Wie der Mieterverein zu Hamburg und der Verein Mieter helfen Mietern mitteilten, solle der Eigentümer konkrete Maßnahmen und einen Zeitplan vorlegen. Zuvor waren schwere Mängel festgestellt worden, und das Haus wurde geräumt. Eine wegen Mordes angeklagte 42-Jährige hat gestern, am ersten Prozesstag, vor dem Landgericht tödliche Messerstiche gegen ihren Ex-Partner gestanden. Laut ihrer Einlassung weist sie Habgier als Motiv zurück und spricht von Verzweiflung. Unbekannte haben in Heimfeld einen Geldautomaten im Vorraum eines Hotels aufgebrochen und sind mit der Beute geflüchtet. Die Tat hat sich laut Polizei in der Nacht zu Montag ereignet. Wie viel Geld fehlt, ist unklar. Nachricht des Tages Die Sommerferien sind vorbei, morgen geht in Hamburg der Unterricht wieder los – mit so vielen Schülerinnen und Schülern wie lange nicht mehr. Das teilte Bildungssenatorin Ksenija Bekeris (SPD) mit. Im Schuljahr 2026/27 besuchen demnach 254.420 Kinder und Jugendliche die staatlichen Schulen, ein Plus von 3.310 (plus 1,3 Prozent) gegenüber dem Vorjahr. Zählt man die Kinder und Jugendlichen an Privatschulen hinzu, kommt man auf insgesamt 274.000 Schülerinnen und Schüler. So viele gab es in Hamburg zuletzt 1981, also vor 45 Jahren. In der Folge wächst auch die Zahl der nötigen Lehrkräfte auf insgesamt 16.166 (ein Plus von 112). Nur vier dieser Stellen seien unbesetzt. »Einen allgemeinen Lehrkräftemangel gibt es bei uns im Unterschied zu anderen Bundesländern nicht«, sagte Bekeris. Sie erklärt es damit, dass »unsere Stadt und unsere Schulen bundesweit große Anerkennung genießen«. Viele junge Pädagoginnen und Pädagogen kämen gezielt nach Hamburg. Die Schülerzahl dürfte bald wieder sinken: Die Kurve flache langsam ab, bei den Einschulungen in der ersten Klasse seien die Zahlen sogar leicht rückläufig. Diese Trendwende behalte man auch beim Schulneubau im Blick, sagte die Bildungssenatorin. Von Oskar Piegsa Aus Hamburg Seit in Hamburg ein einsturzgefährdetes Haus evakuiert wurde, fürchten auch andere Mieter um ihre Sicherheit. Dieser Statiker gibt Entwarnung . Lesen Sie hier einen Auszug aus dem Interview von ZEIT-Autor Christoph Twickel. Ende Juli ließ die Feuerwehr ein Wohnhaus im Hamburger Stadtteil Altona räumen. Seither geht nicht nur dort bei Mieterinnen und Mietern die Sorge um: Was bedeutet der Riss in der Wand, der abbröckelnde Putz, das verzogene Fenster? Ist mein Haus womöglich auch einsturzgefährdet? Michael Dartsch ist Statiker und kennt sich mit der Standsicherheit von Gebäuden aus: Er wird gerufen, wenn statisch relevante Umbauten anstehen oder Häuser marode werden. DIE ZEIT: Herr Dartsch, Sie begutachten Gebäude in Hamburg. Wurden Sie schon zu einem Gebäude gerufen, das statische Probleme hatte? Michael Dartsch: Ja, so etwas passiert. Auslöser sind oft Risse in Bauteilen, die Hausmeister, Mieter oder Handwerksfirmen entdeckt haben. Die Eigentümer oder die Verwalter wenden sich an uns, und wir untersuchen dann, ob das statisch relevant ist. ZEIT: Wann werden Sie hellhörig? Dartsch: Wenn Sie einen Trocknungsriss in einer Gipskartonwand entdecken, interessiert das keinen Statiker. Bei einem Riss im Mauerwerk oder in Betonbauteilen ist das was anderes – oder wenn Fußböden absinken, sich Stahlbauteile verschieben oder stark durchbiegen, wenn Wände beulen oder wenn Sie im Dachgeschoss feststellen, dass das Holz des Dachstuhls marode geworden ist. Dann müssen wir das begutachten, die Standsicherheit überprüfen und einen Instandsetzungsfahrplan zusammenstellen. ZEIT: Mussten Sie schon ein Gebäude gleich evakuieren lassen, so wie es in der Holstenstraße in Hamburg Ende Juli passiert ist? Dartsch: Wir haben schon Tiefgaragen gehabt, bei denen wir gesagt haben: Das tut uns leid, aber der betroffene Bereich muss sofort gesperrt werden. ZEIT: Was passiert, wenn ein Eigentümer den Schaden nicht behebt? Dartsch: Wir hatten einen Fall am Hamburger Elbhang, da rutschte ein Hang langsam, aber stetig auf einen öffentlichen Weg. Der Eigentümer, der dafür zuständig wäre, den Hang zu sichern, erklärte, er habe kein Geld. Die Stadt hat dann gesagt: Dann führen wir eine Ersatzvornahme zulasten des Eigentümers durch. Ob Michael Dartsch einen Gebäude-TÜV für sinnvoll hält , lesen Sie in der ungekürzten Fassung. → Zum Artikel (Z+) Schon gelesen? Mein Mann hat Pflegegrad vier. Das ist hart für ihn und hart für mich Paris, Enkel hüten, Freunde sehen: Sie hatte so viele Pläne für den Ruhestand. Ihren Mann zu pflegen, gehörte nicht dazu. Wie die ZEIT-Autorin Anna von Münchhausen lernte, ihr neues Leben anzunehmen, beschreibt sie hier. → Zum Artikel (Z+) Darauf können Sie sich freuen Das 6. Hammer Sommerfestival läuft in diesem Jahr vom 20. bis 30. August mit knapp 100 Veranstaltungen im gesamten Stadtteil: Konzerte, Lesungen, Angebote für Kinder, sportliche Mitmachaktionen, Märkte. Das gesamte Programm steht hier . Beim Abschlusswochenende am 29./30.8. im Hammer Park gibt es ein Kinderfest und Workshops. Abends gibt es Musik und Disco, am Sonntagmittag außerdem wieder Klassik im Park . Hammer Sommerfestival, 20. bis 30.8.; diverse Veranstaltungen, Kinder- und Familienfest 29.8. und 30.8.; Sa 12 bis 16 Uhr und So 14 bis 18 Uhr, Klassik im Park, 30.8., 12 bis 14 Uhr Meine Stadt Hamburger Schnack Meine Freundin kündigt an, eine Gemüsequiche mitzubringen. Sie spricht das Wort Zucchini nicht richtig aus. Vorsichtig wage ich, sie zu korrigieren. Ihre Antwort: »Weißt du was? Dann nehme ich eben Aubergine!« Gehört von Silke Rathjens-Beth Das war die Elbvertiefung, der tägliche Hamburg-Newsletter der ZEIT. Wenn Sie möchten, dass er täglich um 6 Uhr in Ihrem Postfach landet, können Sie ihn hier kostenlos abonnieren .