Zeit 28.05.2026
20:57 Uhr

French Open: Der Kollaps des großen Favoriten


Alles sah nach einer entspannten Partie aus – dann verließen Jannik Sinner in Paris plötzlich die Kräfte. Es stellt sich eine alte Frage: Ist Hitze seine größte Schwäche?

French Open: Der Kollaps des großen Favoriten
Mit letzter Kraft schlurfte Jannik Sinner an den Rand des Sandplatzes, um zu seinem Handtuch zu greifen. Er lehnte sich gegen die Werbebande. Sekunden verstrichen. Der beste Tennisspieler der Welt wirkte benommen. Die Schiedsrichterin Aurélie Tourte verließ ihren Stuhl und eilte zu Sinner, redete auf ihn ein. Es hatte nicht den Anschein, als vermochte der Italiener den Worten der Unparteiischen ausreichend folgen, er stützte sich auf seinen Schläger. Ohne ihn, so schien es, könnte er jederzeit umfallen. Je ein Physiotherapeut und ein Arzt eilten herbei. Ihm sei »sehr schwindelig«, sagte Sinner zu dem Physiotherapeuten. Der Schiedsrichterin sagte er, dass er sich dehydriert fühle und sich übergeben müsse. Dann verließ Sinner den Platz am linken Spielerausgang. Sinner, der große Favorit auf den Titel, hatte gegen den Außenseiter Juan Manuel Cerúndolo bereits ungefährdet mit 6:3, 6:2 und 5:1 geführt. Nur ein Spiel fehlte zum souveränen Drittrundeneinzug. Doch sein Körper machte nicht mehr mit. Zum Zeitpunkt seiner Partie wurden auf dem Centre Court etwa 33 Grad gemessen, im Schatten allerdings. »Es war warm, aber nicht unzumutbar heiß« Als Sinner zu seiner Pause gezwungen wurde, hatte er 15 Punkte in Serie verloren. Dabei hatte die French-Open-Chefin Amélie Mauresmo alles probiert, um Sinner zu schützen. Die Nummer eins der Welt war der erste männliche Spieler seit drei Jahren, der das erste Match um 11 Uhr auf dem Centre Court Philippe Chatrier spielen durfte. Ansonsten war dieser Zeitpunkt immer Matches der Frauen, die bei den French Open regelmäßig stiefmütterlich behandelt werden, vorbehalten. Unausgesprochen war klar: Sinner sollte vor der diese Woche dauerhaft wütenden Hitze geschützt werden. Als Sinner nach viereinhalb Minuten auf den Platz zurückkehrte und das Spiel wieder aufnahm, lief es nicht besser. Sinner verlor den dritten Satz und entschied sich Mitte des vierten Satzes »Kräfte zu sparen für den fünften Satz«, wie er später erklären sollte. Doch der Plan ging nicht auf. So wurde aus einem Spiel, das niemand vorab als besonders spektakulär antizipierte, eine Sensation. Durch Sinners Aus und die schon vor dem Turnier verletzungsbedingte Absage von Carlos Alcaraz wird es erstmals seit den US Open 2023 (Djokovic) wieder einen anderen Grand-Slam-Sieger geben. Das ist auch die Chance auf den ersten Titel überhaupt für Alexander Zverev, der zuletzt neunmal in Serie gegen Sinner verloren hatte und auf ihn im Finale hätte treffen können. Zverev ist nun der am höchsten gesetzte Spieler im Turnier. Doch nach dem Hitzematch drehte sich zunächst alles noch um Sinner: Zuletzt hatten Experten immer wieder angedeutet, dass Sinner am ehesten in extremer Hitze verwundbar sei. Die Art und Weise wie der Italiener aber körperlich zusammenbrach, hatte niemand vorhergesehen. Sinner selbst nahm vor versammelter Weltpresse etwas Druck aus der Debatte. Mehr als hundert Journalisten drängten in den größten Pressekonferenzraum tief in den Katakomben des Centre Court, der letztmalig bei den abschließenden Triumphen und Auftritten von Rafael Nadal derart überfüllt war.«Es war warm, aber nicht unzumutbar heiß. Ich finde, die Bedingungen zum Spielen waren durchaus in Ordnung«, erklärte Sinner, der bereits besser aussah und ruhig, strukturiert ohne große Emotionen analysierte. »Es lag wirklich nicht an der Hitze, es lag nicht am Wetter. Es lag heute einfach an mir.« Er sei am Morgen aufgewacht und habe sich nicht besonders gut gefühlt. »Ich habe versucht, die Ballwechsel sehr kurz zu halten. Auch am Anfang habe ich sehr sauber und gut gespielt, und dann bin ich irgendwie an meine Grenzen gestoßen, und das wars dann«, sagte Sinner.