Zeit 29.05.2026
17:59 Uhr

French Open: Jedes Kleid ein Schmetterball


Naomi Ōsaka hat mit Goldglitzer und ungewöhnlichen Outfits bei den French Open eine Debatte ausgelöst. Reduziert sie ihren Sport zu einer Modenschau?

French Open: Jedes Kleid ein Schmetterball
Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 22/2026. Da kommt sie, unverkennbar, und nach nur wenigen Minuten schimmert sie wie der Eiffelturm bei Nacht . Über den Court Philippe‑Chatrier, den größten Platz der French Open , zieht sie ein schwarzes Kleid durch den roten Sand. Sofort schwenken die Kameras auf sie, die Zuschauer zücken ihre Handys, Jubel wird hörbar. Für einen Moment wirkt Naomi Ōsaka weniger wie eine Tennisspielerin und mehr wie ein Star auf dem Weg zu einer Filmpremiere. Kurz darauf legt sie ihren Überwurf ab; darunter verbirgt sie ein goldenes, dicht mit Pailletten besticktes Tennisoutfit ihres Werbepartners Nike. Beim zweiten Match wiederholt sich das Spiel, nur in einer anderen Farbe. Dieses Mal zieht sie eine cremefarbene Schleppe hinter sich her, bevor auch sie zurückbleibt – und wieder nur das Glitzern übrig ist. Ist das noch Tennis oder schon eine Werbekampagne? Für manche lautet die Antwort längst: beides. Auf den sozialen Medien wurde das Spektakel rund um Ōsaka bereits als »Met Gala auf Sand« bezeichnet – und das Beste, was diesem Turnier seit Jahren passiert sei. Andere hingegen empören sich darüber, dass Ōsaka vom eigentlichen Event ablenke; im Fernsehen mahnen ehemalige Profis wie Boris Becker, man müsse doch beim » Fokus auf den Sport « bleiben; die deutsche Spielerin Laura Siegemund sagte nach ihrem Match mit Ōsaka, sie sei nicht für eine » Modenschau « in Paris, sondern um Tennis zu spielen. Ōsaka selbst steht mittendrin und lächelt, inszeniert sich auf Instagram mit ihren Outfits und der Bildunterschrift » court‑ure «. »Ich rede nicht viel, deshalb kann ich durch meine Kleidung sprechen«, sagte sie in den Pre‑French‑Open‑Interviews über ihre Outfits. Auf den ersten Blick könnte man diese Aufregung für albern halten, immerhin tritt Ōsaka nicht auf einem Laufsteg, sondern auf einem Sandplatz an. Doch die Tennis- und Fashionwelt waren schon immer eng miteinander verbunden, kaum eine andere Sportart hat unsere Alltagsmode so stark geprägt. Das knöchellange, makellose Wimbledon-Weiß, die ärmellosen Oberteile der Zwanziger, das von René Lacoste erfundene Baumwoll-Piqué-Shirt mit Hemdkragen, das heute als Poloshirt in jedem Laden hängt: Was auf dem Platz getragen wurde, landete ein paar Saisons später verlässlich in den Schaufenstern. Und auch in jüngerer Vergangenheit verkaufen Streetwear ‑Marken und Designer wie Gucci genau diese Tennis‑Looks als Lifestyle : Models auf perfekt gekehrten Plätzen lehnen sich im frisch gebügelten Polo am Netz und halten lässig Schläger in der Hand, die weniger wie Sportgerät und mehr wie Accessoires wirken. Kurz: Der Tennis‑Court war schon immer auch Laufsteg, Sportlerinnen und Sportler immer schon Trendsetter. Als solcher war er lange Zeit einem strikten Dresscode unterworfen. Als etwa die französische Tennisspielerin Suzanne Lenglen 1919 in Wimbledon in einem von Jean Patou entworfenen, plissierten Kleid mit kürzerem Rock und ohne Korsett aufschlug, galt das schon als Sittenbruch. In den 1940er‑Jahren sorgte die US‑Spielerin Gertrude Moran für Aufruhr, weil unter ihrem weißen Rock Spitzenslips hervorlugten; britische Zeitungen druckten Nahaufnahmen, man warf ihr Unanständigkei t vor. Später spielte die Britin Eileen Bennett in Shorts statt Rock , was als zu maskulin und unweiblich kritisiert wurde. Selbst Serena Williams, die mit 23 Grand‑Slam‑Siegen als eine der einflussreichsten Spielerinnen der Tennisgeschichte gilt, musste sich mit solchen Debatten herumschlagen: Als sie bei den French Open 2018 in einem hautengen schwarzen Ganzkörperanzug (auch als »Catsuit« bezeichnet) antrat, den sie aus medizinischen Gründen zur Thrombose‑Vorbeugung trug, erklärte der Präsident des französischen Tennisverbands, so ein Outfit werde » nicht mehr akzeptiert «, der Sport und der Platz müssten » respektiert « werden. Kurz darauf führte der Verband einen Dresscode ein, der Williams’ Catsuit bei künftigen Turnieren verbot.