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28.09.2026
14:25 Uhr
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Der Präsident des Chemieverbands hat herbe Kritik am Kanzler, hält einen Wechsel aber für falsch. In der aktuellen Lage sieht er für Friedrich Merz sogar eine Chance.

Der promovierte Chemiker Markus Steilemann, 56, leitet seit 2018 den Kunststoffhersteller Covestro in Leverkusen mit 17.600 Beschäftigten, der früher zum Bayer-Konzern gehörte. Außerdem ist er der Präsident des Verbands der Chemischen Industrie – und spricht damit für die drittgrößte Industriebranche in Deutschland. DIE ZEIT: Herr Steilemann, viele im Land haben sich auf den Bundeskanzler Friedrich Merz eingeschossen und finden, dass er ausgewechselt gehört. Dabei hat er von der Industrie viel Vorschussvertrauen bekommen, als er vergangenes Jahr im Mai sein Amt antrat. Wie schauen Sie heute auf Herrn Merz? Markus Steilemann: Wir dürfen jetzt nicht den Fehler begehen und eine einzelne Person verantwortlich machen für eine Gesamtsituation, in die sich unser Land über Jahrzehnte selbst hineingesteuert hat. Der Bundeskanzler muss gerade als Projektionsfläche herhalten für alles, was die Leute ärgert. Es ist immer sehr einfach zu sagen: Wenn die Situation erst einmal verfahren ist, muss eben der Trainer gehen. ZEIT: Im Fußball hilft das ja manchmal, zumindest kurzfristig. Steilemann: Ja, aber das Bild ist schief. Zum einen ist Herr Merz kein Fußballtrainer. Und man übersieht dabei, dass die strukturellen Probleme, die sich seit Jahrzehnten in Deutschland aufgestaut haben, aktuell durch weitere Effekte enorm verstärkt werden: durch die Kriege im Iran und in der Ukraine oder die Wirtschaftspolitik von China und den USA. Das verschärft unsere Probleme enorm, aber dafür kann der Kanzler nichts. Zu behaupten, alles liege nur an seiner Person, ist mir zu einfach. ZEIT: Aber seine öffentlichen Auftritte sind nicht sonderlich geschickt. Er unterstellt den Leuten zum Beispiel, dass sie zu wenig arbeiten oder gern mal krankfeiern. Steilemann: Das mag sein. Aber ein Kanzlertausch oder sogar Neuwahlen würden doch die vielfältigen Grundprobleme unseres Landes nicht lösen, sondern die Lage nur weiter verschärfen. Eine Personaldebatte ist gerade komplett deplatziert. ZEIT: Warum sind Sie da so entschieden? Steilemann: Weil sie nur von den nötigen fundamentalen Reformen ablenken würde, die Deutschland jetzt dringend braucht. Sie würde sie entweder verlangsamen, komplett blockieren oder sogar umkehren. Das wäre verheerend. ZEIT: Gibt es denn nichts, was Sie dem Kanzler vorwerfen wollen? Steilemann: Natürlich gibt es Versäumnisse. Eines der größten ist aus meiner Sicht, dass die Regierung endlich mal ein Zukunftsbild vermitteln müsste: Die Veränderungen, die sie jetzt verlangt und die für manche zunächst mit zusätzlichen Belastungen verbunden sind – wofür lohnen sie sich denn? ZEIT: Bei seinem Auftritt nach dem Schließen der Wahllokale in Berlin und Mecklenburg-Vorpommern hat Merz gesagt: »Wohlstand für die junge Generation muss eigentlich die Fortsetzung des berühmten Buchs Wohlstand für alle von Ludwig Erhard sein.« Vielleicht hat er verstanden, dass es da eine Leerstelle gibt? Steilemann: Das ist ein erster zarter Versuch, aber noch recht zaghaft, da könnte mehr kommen. ZEIT: Sie standen vor einem Jahr mit Herrn Merz auf der Bühne beim Chemiegipfel Ihres Verbands in Berlin. Und Sie haben ihm gesagt: Ist ja schön, dass die Regierung so fleißig ist, aber von den angekündigten Reformen bei Rente, Gesundheitskosten oder Entbürokratisierung ist in der Wirtschaft noch nicht viel angekommen. Stimmt diese Aussage heute noch? Steilemann: Ja. Aber das will ich nicht dem Bundeskanzler vorwerfen. Die politische Debatte ist eben sehr langwierig bei uns. Wir kranken daran, dass Deutschland seit der Agenda 2010 von Gerhard Schröder keine ernsthaften Reformanstrengungen mehr unternommen hat. Sondern dass wir Regierungen hatten, die den Status quo zementiert und aufkommende Signale für Reformbedarfe zugekleistert haben mit Zuwendungen an einzelne Interessengruppen. Das hat lange funktioniert, weil dem ein gewisses Wachstum der Wirtschaft gegenüberstand. Damit ließen sich die steigenden Staatsausgaben finanzieren. Aber in dieser luxuriösen Situation sind wir seit einigen Jahren nicht mehr.