Zeit 12.03.2026
11:43 Uhr

Voodoo Jürgens: Raus aus dem Beisl


Der Liedermacher Voodoo Jürgens ist der Lordsiegelbewahrer der Wiener Strizzis. Auf seinem neuen Album will er andere Wege gehen. Und quält sich damit.

Voodoo Jürgens: Raus aus dem Beisl
Aussehen tut er jedenfalls noch so wie immer, der Voodoo Jürgens, nur, wenn man ehrlich ist, etwas mitgenommen. Den schwarzen Schal hat er sich um den Kopf gewickelt, als hätte er furchtbare Zahnschmerzen, seine Augen tränen, die Stimme ist noch etwas näselnder als sonst. Weil er nun mal Voodoo Jürgens ist, vermutet man sofort eine schwere Partie, was er sich selbst eingebrockt hat mit den Liedern, die ihn berühmt gemacht haben und die von Tranklern, Strizzis und Gescheiterten handeln. Gesungen im Dialekt, was den Eindruck noch verstärkte: Das, wovon er da singt, das muss auch sein Leben sein. 2016 schoss er aus dem Nichts mit Heite grob ma Tote aus in den Wiener Musik-Orbit. So verführerisch strahlte der neue Austropop damals, dass sie selbst in Deutschland dem vernuschelten Charme vom Nino sowie dem Tschick-und-Stamperl-Rock von Wanda verfielen – und nun auch nach diesem Kauz mit Schnauzer und Vokuhila, der Moritaten gab über "foische Fuffziger", die "Sandler" und die "Hawara". Platz eins in den Charts mit seinem Debütalbum Ansa Woar, Goldene Schallplatte, auch die beiden Nachfolger waren Erfolge, die ihm drei Amadeus Music Awards bescherten. Und so nebenbei gewann er als Schauspieler 2024 den Österreichischen Filmpreis für die beste männliche Hauptrolle im Kinofilm Rickerl – Musik is höchstens a Hobby. Von außen betrachtet sieht das alles immer sehr leicht aus bei Voodoo Jürgens. Aber nun steht der 42-Jährige etwas windschief da vor dem Friedhof Matzleinsdorfer Platz in Wien und weiß nicht recht, wohin mit der Zigarette. Er wetzt sie an der Mauer aus, bevor es reingeht zu einem Spaziergang, bei dem er berichten wird von der schweren Partie, die das letzte Jahr für ihn war. "Es war eine eher düstere Zeit", sagt er. Ein neues Album ist dabei herausgekommen, Gschnas wird es heißen, Ende März erscheint es. Es hat ihn gequält. Und das hört man. Er hätte es sich leicht machen und das bewährte Erfolgsmodell weiterreiten können. Das Jahr 2026 wirkt wie der perfekte Moment dafür: Wanda legen eine Pause ein, der Nino gesellt sich zur alten, ruhigen Garde um Ernst Molden, die Epigonen wie Laurenz Nikolaus stecken noch in den Startblöcken. Beim Amadeus dominierten die diversen Strömungen des neuen Austropops, von nischigen Dialekt-Künstlern wie Folkshilfe bis zum Ö3-Mainstream von Seiler & Speer. Irgendwo dazwischen wäre die Rolle als Gralshüter des Wiener Popwunders frei. Nur hat Voodoo Jürgens absolut keine Lust auf den Job. "Ich wollte einen neuen Weg einschlagen", erzählt er. Ein Bandalbum sollte es werden. Auch, weil er so langsam mal wegkommen möchte vom Image als ewiger Beisl-Poet. "Ich versuche eh schon seit dem zweiten Album, rauszukommen aus dem Beisl", sagt er. Und setzt nach einiger Zeit hinzu: "Hin und wieder ist das auch gelungen." Wie ernst er es meint, hört man schon dem ersten Vorboten an, der Single Vaschwindn . Kein schräges Akkordeon, keine Geschichte über einen hinnigen Typen. Sondern treibende Gitarren, hypnotischer Synthie, Mitsing-Refrain mit Hitpotenzial. Ein überraschender Ausflug in die Indie-Disco. Hinter der Friedhofsmauer dröhnen die Autos über die Triester Straße, auf der anderen Seite quietschen die Züge auf der Stammstrecke. Ein symbolischer Ort für Voodoo Jürgens, ein Jahr lang hat er hier gearbeitet, als er aus seinem Heimatort Tulln nach Wien gezogen war, oder eher "geflohen", wie er es ausdrückt. 2006 war das, da hatte er schon eine Lehre abgebrochen, als Zuckerbäcker bei Demel. Er hat das später in einem Song verarbeitet, wie auch sein Aufwachsen. "Vo durt bin i davogrennt, wo’s hinterrucks redn, dort, wo se jeda kennt", sang er im autobiografischen Tulln . Dort in Niederösterreich hätte man ihn treffen können, um den ganz großen Bogen aufzumachen: von einem, der auszog, um erst Wien zu erobern und dann, selbst zum Wiener Original geworden, den gesamten deutschsprachigen Raum. Er hat das sehr freundlich, aber unmissverständlich abgelehnt. "Ich hab dort nicht viel verloren", sagt er. Seine Mutter lebt noch da, er besucht sie ab und zu, im Sommer wird er wieder auf der Donaubühne spielen. Aber sonst ist Tulln "abgeschlossen". Bevor er 2016 auf der Bildfläche erschien, war er höchstens in der Indie-Szene ein Begriff, als David Öllerer, Sänger der Eternias, englischsprachige Texte, Garagenrock. Nie mehr als ein Insidertipp, alles andere als eine Goldgrube. Er schlug sich mit Nebenjobs durch, auch mal in einem Sexshop. Mit 30 stand er dann vor der Frage, wie es weitergehen soll. Er entschied sich für die Musik, aber für einen Neuanfang als Voodoo Jürgens.