Zeit 23.05.2026
16:35 Uhr

WM-Alt-Star-Team 2026: Auf die Magie der Grand Old Schachteln


Messi, Ronaldo, Džeko, Neuer: Wird die WM ein Greisenball? Unser Kolumnist sieht in den Grandseigneurs mehr. Über Nationalmaskottchen und Körperdaten 40-Jähriger

WM-Alt-Star-Team 2026: Auf die Magie der Grand Old Schachteln
In unserer Kolumne » Grünfläche « schreiben abwechselnd Oliver Fritsch, Christof Siemes, Stephan Reich und Christian Spiller über die Fußballwelt und die Welt des Fußballs. Dieser Artikel ist Teil von ZEIT am Wochenende , Ausgabe 21/2026. Als ich im Februar als Reporter bei Olympia in Mailand war, hat sich mir eines Abends das ganze Dilemma des italienischen Fußballs offenbart. Winterspiele? Nun, zwölf Tage nach der Eröffnungsfeier, war das altehrwürdige und bald dem Abriss anheimfallende Stadion San Siro wieder zurückverwandelt in den legendären Fußballtempel, und darin traf der AC Milan, damals Tabellenzweiter der Serie A, auf den Emporkömmling aus Como. Für fast 100 Euro sah ich eines der langsamsten Erstligaspiele aller Zeiten. Wenn dieses Milan das zweitbeste Team Italiens ist, dachte ich, dann schafft es das Land niemals zur WM. Bester und laufstärkster Mann auf dem Platz: der Kroate Luka Modrić, 40. Eigentlich sollte Mailand so etwas wie sein Austragsstüberl werden, wo er vor dem Ruhestand gut bezahlt noch ein wenig über den Platz spaziert. Dass er der Antreiber einer Schlafwagenkickertruppe sein würde, hatte er sich wohl selbst nicht träumen lassen. So kam, was kommen musste: Italien verpasste die WM, und Modrić darf noch einmal mit Kroatien teilnehmen, zum fünften Mal übrigens. Warum ich das erzähle? So schlecht über das bevorstehende Turnier bislang auch geredet wird (unter anderem von mir) – das WM-Alt-Star-Team 2026 ist schon jetzt legendär. Im Tor: Nein, nicht Manuel Neuer. Mit seinen 40 Jahren ist er zu jung für den Ehrenplatz im Tor des Teams der Grand Old Schachteln. Alterspräsident zwischen den Pfosten dieses Turniers ist, Stand heute, Schottlands Goalie Craig Gordon, 43. Und auch an Francisco Guillermo Ochoa Magaña kommt Neuer nicht vorbei – Mexikos Keeper ist acht Monate älter als der Schalker Jung, der ein Bayer wurde. Der Zwei-Mann-Sturm der Altherrenauswahl besteht aus Cristiano Ronaldo und Edin Džeko, zusammen bringen sie es auf 81 Jahre. Dagegen wirkt das Mittelfeldduo aus Messi (38) und Neymar (34) geradezu taufrisch. Dafür wird der Argentinier genau wie seine ewige Nemesis, der portugiesische Ronaldo, und der Mexikaner Ochoa einen neuen Rekord aufstellen: Alle drei werden zum sechsten Mal an einer WM teilnehmen, das hat zuvor noch niemand geschafft. Nicht mal ein Loddar Matthäus. Was sagt uns dieser Greisenball? Dass die Jugend sich nicht mehr richtig quälen kann und es deshalb die Alten richten müssen, wie am Stammtisch so gerne behauptet wird? Die Motive für die Berufung der Altstars sind natürlich von Land zu Land verschieden. Der Fußballzwerg Bosnien kann es sich schlicht nicht leisten, einen Mann wie Džeko zu Hause zu lassen, weil der immer noch sehr genau weiß, wo das Tor steht, und sei es in der zweiten deutschen Liga. Portugal hat zwar schon bewiesen, dass es ohne Ronaldo eigentlich besser spielt und sogar andere Freistoßvarianten beherrscht als die, bei denen der alternde Superstar seit Jahren den Ball über die Latte jagt. Der 41-Jährige ist jedoch längst ein Nationalmaskottchen mit magischer Aura. Den größten Dienst erwies er seinem Vaterland bereits vor zehn Jahren, als er beim EM-Finale nach nur 25 Minuten verletzt ausgewechselt wurde, weinend den Platz verließ, schließlich sein Team aber mit einem großen Theaterauftritt am Spielfeldrand zum Titel coachte. Dafür ist er auch 2026 noch gut genug, zumal er den Tempel seines Körpers derart verehrt und pflegt, dass er so fit aussieht wie vor zehn Jahren. Auch Messi ist längst eine mythische Gestalt, die selbst entscheidet, ob sie noch mal einen WM-Rasen betritt. Er muss dabei auch nicht fürchten, dass das argentinische Volk eine Neuer-artige Debatte über seine Qualität lostritt. Schwerer hat es da der Jüngste aus dem Triumvirat der vergangenen anderthalb Jahrzehnte, Neymar da Silva Santos Júnior. Laut einer Umfrage war mehr als die Hälfte der Brasilianer gegen eine neuerliche Berufung des in die Jahre gekommenen Genies, der seit 2023 kein Länderspiel mehr bestritten hat. Aber der Coach der Seleção, Carlo Ancelotti, selbst schon ein Grandseigneur seiner Zunft, hält zu ihm und sieht in ihm weit mehr als nur einen Talisman auf der Bank. Neymar könne dem Team »Qualität hinzufügen«, sagte Ancelotti, »egal, ob er fünf, zehn, 90 Minuten oder gar nicht spielt oder nur einen Elfmeter tritt«. Für den Italiener, 66, ist Erfahrung offenbar ausschlaggebend – 11 der 26 von ihm berufenen Spieler sind bereits 30 Jahre oder älter. Dass nun gleich drei Spieler den neuen Rekord von sechs WM-Teilnahmen aufstellen können, hat auch praktische Gründe des Fortschritts. Der große Ruud Gullit, der selbst mit den Niederlanden an nur einer WM teilnehmen konnte, erzählte neulich bei einer Preisverleihung davon, wie sehr sich die Bedingungen für die Spieler verändert haben. Die medizinische Versorgung, die Ernährung, die Plätze, das Training – alles habe sich gegenüber seiner großen Zeit dramatisch verbessert. »Das hilft nicht nur dem Fußball insgesamt, sondern hat das Leben der Spieler verändert – sie können einfach länger spielen.« Er selbst habe Verletzungen oft einfach ignoriert, aus Furcht, andernfalls seinen Platz im Team zu verlieren. So viel Unvernunft sei heute gar nicht mehr möglich, weil die Daten aller Spieler so exakt erfasst würden. Vielleicht hat Julian Nagelsmann auch deshalb den vermeintlich verletzungsanfälligen Manuel Neuer zur Nummer eins gemacht. Womöglich kennt der Bundestrainer alle aktuellen Körperdaten des 40-Jährigen, die nicht schlechter sein könnten als jene des Duracell-Kroaten Modrić. Nagelsmann setzt jedenfalls wie der alte Hase Ancelotti und andere WM-Trainer auf die Magie der Erfahrung. Und zumindest im Seniorenfußball ist Deutschland ja immer noch eine Weltmacht: Bei der Ü75-WM im vergangenen Jahr in Japan gewann das deutsche Team im Finale 3:0 gegen England.